Anziehungspunkte

Das Whisky-Wunder von Zorge

Ja, tatsächlich, in Zorge im Südharz gibt es eine Whisky-Destillerie, der es gelungen ist, sich in der Welt der erlesenen Malt´s einen besonderen Namen zu machen. Kein geringerer als Jim Murray pries die Erzeugnisse in seiner Whisky-Bibel als absolute Spitzenprodukte, auch im Vergleich mit schottischen Malt´s. Die mit Harzwasser produzierten, insgesamt 200 Whisky-Sorten werden unter der Dachmarke »Glen Els« verkauft; destilliert in der sogenannten »Hammerschmiede« in Zorge, deren Verkaufsräume zu einem Anziehungspunkt für Touristen geworden sind. Zur derzeit guten Whisky-Nachfrage sagt Unternehmenschef Alexander Buchholz: »Wir produzieren im Jahr 30.000 Flaschen. Wenn ich wollte, wären diese bereits im Februar abverkauft.«

Harz-Beat: Wieviele Besucher waren 2018 bei Ihnen in Zorge und wie groß war der Anteil derjenigen, die etwas mitgenommen haben?

Buchholz: Es waren über 20.000 bei einer Kaufquote von 60 Prozent, das heißt, gut die Hälfte unserer Whisky-Produktion geht über den Ladentisch unseres Destillerie-Shops. Knapp 15.000 Flaschen werden über den Handel abgesetzt, auch über unseren Online-Shop mit einer nicht unbeträchtlichen Menge.

»Der Sichelmond der Touristenströme«

Harz-Beat: Unter Ihren Besuchern sind viele Touristen. Kommen diese Kunden aus dem näheren Umfeld des Südharzes?

Buchholz: Eher weniger. Sie müssen sich die normalen Touristenströme wie einen Sichelmond vorstellen, der sich – vereinfacht gesagt – von Goslar im Westen bis Wernigerode im Osten und bis Braunlage im Oberharz erstreckt. In diesem Sichelmond ist – touristisch gesehen – relativ viel los. Dann gibt es noch ganz, ganz leichte Ausreißer mit St. Andreasberg und Bad Lauterberg, wo sich noch ein bißchen was tut. Hier im Südharz, das heißt in Zorge, Wieda und Walkenried ist nicht im Ansatz so viel los wie in Braunlage.

Das beeindruckende Lager der Hammerschmiede umfasst rund 700 Fässer.

Harz-Beat: Also nehmen viele Touristen durchaus eine längere Anreise in Kauf, um zu Ihnen zu kommen? Dann kann man doch mit Fug und Recht sagen, dass Sie für den Südharz so etwas wie ein Besuchermagnet sind.

Buchholz: Wir verstehen uns nicht als Leuchtturm, sondern als nichts weiter als einen Baustein. Das Problem ist, dass es kaum weitere Bausteine gibt. Der Gast braucht für die Anreise etwa aus Wernigerode rund eine Stunde. Wenn er sich dann bei uns zwei Stunden aufhält, taucht schnell die Frage auf: »Was machen wir nun?« Daher freue ich mich, dass in diesem oder im nächsten Jahr im Kloster Walkenried ein Welterbe-Infozentrum eröffnet wird. Dann kann sich der Gast ohne Weiteres einen ganzen Tag im Südharz aufhalten.

Harz-Beat: Gehen Sie da nicht ein wenig zu hart mit dem Südharz ins Gericht?

Buchholz: Die Natur hier ist echt geil. Wanderer und Mountainbiker finden hier ein kleines Paradies vor. Aber auch diese Touristen wünschen sich Unterkünfte, die auf der Höhe der Zeit sind. In Zorge zum Beispiel gibt es 400 Pensionsbetten. 100 davon sind wirklich top, aber bei den anderen möchte man den Inhabern zurufen: »Tut doch endlich mal was!« Es ist der falsche Weg, über Jahrzehnte zu sagen: »Dann machen wir es eben noch ein paar Euro günstiger.« Diese Einstellung muss sich ändern, um der Entwicklung wieder eine positive Richtung zu geben.

Gute Berichte über den Südharz sind ebenfalls ein kleiner Baustein, der aber nur dann auf einen Erfolgsweg führt, wenn die Region auch wirklich gut ist. Ansonsten setzt man seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Was ich mir für Zorge wünschen würde, wäre ein Gesamtkonzept.

Die Hammerschmiede von außen.

»An nachhaltiger Entwicklung interessiert«

Harz-Beat: In Ihrem Unternehmen läuft es hervorragend. Sie könnten erheblich mehr Flaschen absetzen, als Sie herstellen. Denken Sie daran, die Produktion hochzufahren?

Buchholz: Unsere Branche ist nicht vergleichbar etwa mit der Herstellung von Schrauben, wo Sie sich heute eine neue Maschine anschaffen und morgen die doppelte Menge produzieren können. Ein Whisky muss – so will es der Gesetzgeber – mindestens drei Jahre alt sein, das heißt aber nur, dass er dann verkauft werden darf, aber nicht, dass er bereits ausgereift ist. Das ist er in den meisten Fällen nämlich erst nach 5 bis 10 Jahren. Das Problem ist: Der Markt kann in dieser Zeit völlig anders aussehen. Daher sind wir mehr an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert. Die 10 Mitarbeiter, die hier tätig sind und wir in der Geschäftsführung können davon leben. Das reicht uns vollkommen aus. Der Whisky-Markt ist traditionell eine Achterbahnfahrt. Das war nie anders.

»Die Reifezeit kann man schmecken«

Harz-Beat: Sie sind 34, Diplom-Kaufmann, haben neben Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft auch neuere und mittlere Geschichte studiert. Welches ist Ihre Hauptaufgabe im Unternehmen?

Buchholz: Es nennt sich Master-Destiller. Ich bin also für den gesamten Destillationsprozess verantwortlich.

Harz-Beat: Welche Eigenschaft sollte ein Master-Destiller unbedingt mitbringen?

Buchholz: Geduld! Gerade die Juwelen unter den Malt´s benötigen eine lange Reifezeit, Zeit, die man schmecken kann. Dabei hat jeder Master-Destiller natürlich seine Geheimnisse.

Buchholz: »Die Whisky-Herstellung passt einfach zum Harz«

Was war für Alexander Buchholz der Auslöser, im Harz mit der Whisky-Herstellung zu beginnen? »Das passt einfach hierher«, betont er. Das gute Harzer Gebirgswasser sei das absolute A & O für einen Whisky von Format. Eine weitere wichtige Zutat: das Malz der Gerste.

Gerste war nach seinen Worten im Harz früher das einzige Getreide, das bis zu einer Höhe von 900 Metern ernsthaft angebaut werden konnte, in einer Zeit, als noch mit der Sense gemäht wurde. Für die großen Erntemaschinen, die später zum Einsatz kamen, waren die Hänge dagegen kaum noch befahrbar, so dass der Gerstenanbau aufgegeben wurde. Heute konzentriert sich der Harz auf den Tourismus.

Den Menschen im Harz wurden durch den Grafen von Hohenstein ab 1543 sogenannte Bergfreiheiten eingeräumt. Sie waren nicht nur vom Militärdienst befreit, sondern durften für den eigenen Bedarf Wein (aus Früchten und Beeren) sowie Bier und Branntwein (aus Gerste) herstellen.

Heute kommt die Gerste aus dem Harzvorland, etwa aus der Goldenen Aue (Richtung Nordhausen) oder aus der Hildesheimer sowie Magdeburger Börde. Sie wird in einer mittelgroßen Mälzerei – zwischen dem Harz und Hannover gelegen – weiterverarbeitet.

Harz-Beat: Wie würden Sie die Premium-Qualität Ihres Whiskys umschreiben? Wie schätzen sie dabei Ihre Position in Deutschland ein?

Buchholz: Ich weiß nicht, ob unsere Produkte Premium sind. Das müssen Sie schon die Liebhaber unserer Single-Malt´s fragen. Ich werde mich nicht hinstellen und sagen: »Unser Whisky ist der beste der Welt!«, denn wir reden hier doch über Geschmack. Und Geschmack ist eine super-individuelle Sache.

Daher ist es auch schwierig, zu bewerten, welche Position wir in Deutschland haben. Wir gehören sicherlich zu den ältesten Betrieben. Es gibt in Deutschland über 400 Destillen, viermal so viele wie in Schottland. Aber alle zusammen produzieren nicht einmal so viel wie eine mittelständische schottische Destillerie alleine. Auch unsere 30.000 Flaschen, die wir im Jahr herstellen, macht eine mittelständische Destillerie in Schottland Minimum an einem Tag. Die ganz Großen wie Glenfiddich produzieren im Jahr etliche Millionen Flaschen.

Destillerie-Anlagen für Whisky.

Weil bei uns alles im »Miniatur-Format« geschieht, lässt sich die Qualität des Glen Els natürlich präziser steuern. Andererseits passiert das »Whisky-Wunder« manchmal auch gerade durch die begrenzte Kontrollierbarkeit der Entwicklung des Whiskys.

Wir verstehen uns als Manufaktur, als Handwerksbetrieb, und freuen uns natürlich riesig, wenn am Ende ganz, ganz tolle Produkte dabei herauskommen. Wir versuchen trotzdem, immer noch einen Tuck besser zu werden.

Harz-Beat: Wonach richten sich die Preise Ihrer Whisky-Sorten, die bei 49,50 Euro beginnen und bis etwa 160 Euro reichen?

Buchholz: Zum Beispiel nach Exklusivität, nach Alkoholgehalt, nach Rarität.

Harz-Beat: Da Sie derzeit nicht mal die Inlandsnachfrage decken können, sind Auslandsmärkte für Sie vermutlich überhaupt kein Thema …

Buchholz: Wir exportieren nicht direkt. Unser größter Auslandsmarkt sind die Niederlande, durch sehr, sehr viele Besucher, die nach Zorge kommen.

»Genuss wichtiger als Image«

Harz-Beat: Es heißt, die Chinesen hätten den Geschmack für einen guten Whisky entdeckt. Können Sie das bestätigen?

Buchholz: Ja, aber das ist eine ganz andere Geschichte, die davon handelt, dass irgendwelche chinesischen Konsortien mit einem Koffer von Bargeld vor unserer Tür stehen und uns einen Anteil an der Destillerie abkaufen wollen, was wir dankend abgelehnt haben.

Im übrigen habe ich bei den asiatischen Märkten so meine Zweifel, ob das zunehmende Interesse tatsächlich daran liegt, dass die Menschen ernsthaft auf den Genussfaktor »Geschmack« gekommen sind oder ob es nicht eher am positiven Image des Whiskys liegt. Wenn sich das Genussdenken immer mehr durchsetzt, würde ich das sehr begrüßen. Wir produzieren den Whisky nämlich nicht, damit er 20 Jahre in irgendeinem Regal steht. Als Investmentprojekte eignen sich Aktien und Gold besser als Whisky, der zum Trinken gemacht wird. Ich fürchte aber, dass der Prestige-Gedanke bei vielen Menschen noch immer im Vordergrund steht.

Veranstaltungen für absolute Whisky-Liebhaber

In einer beeindruckenden, ur-gemütlichen Whisky-Lounge serviert Alexander Buchholz einmal im Monat etwas ganz Besonderes. Dann werden Marken – auch anderer Hersteller – von erlesener Qualität verkostet, zum Teil in einer Preisklasse, die sich ein Einzelner kaum leisten würde. »Aber in einer Gruppe von 12 Personen fällt es leichter, Whisky-Träume wahr werden zu lassen«, umschreibt Buchholz den hohen Level der Veranstaltung.

Häufig sind es Personen, die die Verkostung – neudeutsch: das Tasting – geschenkt bekommen haben, etwa als Anerkennung besonderer Leistungen: ein ungewöhnlicher Geschäftsabschluss eines Unternehmers, eine komplizierte Operation eines Arztes usw.

Harz-Beat: Welches ist Ihr wichtigstes Marketing-Instrument?

Buchholz: Wir haben keins. Wir haben eine Verkaufsabteilung, aber keine Marketingabteilung. Vor dem Hintergrund unserer guten Absatzlage ist Mundpropaganda völlig ausreichend.

Harz-Beat: Sie pflegen einen sehr guten Kontakt zu Ihren schottischen Kollegen. Bei welchen Gelegenheiten treffen sie sich?

Buchholz: Bei den normalen Whisky-Messen, die vom Endverbraucher besucht werden, sehen wir uns nicht, sondern bei den speziellen Fachmessen, wo es um die Themen Equipment und Fortbildung etwa zu Fragen der mikro-bakteriellen Prozesse geht.

»Weitere Produkte: Kräuterliköre, Obstbrände und Gin«

Harz-Beat: Den ersten Whisky haben sie mit 18 kurz vor dem Abitur produziert. Ihr Vater, der nach wie vor im Betrieb mitarbeitet, hat 1985 die Spirituosenproduktion in der Hammerschmiede aufgenommen. Welche anderen Produkte werden neben dem Whisky bei Ihnen noch hergestellt?

Buchholz: Kräuterliköre, Fruchtliköre und ein paar Obstbrände. Seit 2015 stellen wir auch Gin her. Diese Produkte machen heute etwa die Hälfte des Umsatzes aus. Sie haben es uns ermöglicht, eine Whisky-Destillation aufzubauen, was unheimlich viel Geld kostet. Wenn das Equipment nicht bereits vorhanden gewesen wäre, wäre es für einen 18-Jährigen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Bluhm: »Begeistert vom Ambiente der Hammerschmiede«

Wann immer Jan-Peter Bluhm als Tourist im Harz ist, ob in Bad Sachsa, Wernigerode oder aus Anlass des Brockenmarathons, schaut er in der Hammerschmiede vorbei, um ein Fläschchen mitzunehmen. Der Gütersloher schätzt das Aroma und die Geschmacksnuancen des Glen Els. Vor allem die etwas milderen Sorten haben es ihm angetan.

Vom Ambiente der Hammerschmiede ist er begeistert. »Sehr professionell, auch von der Art wie im Destillerie-Shop die Whisky-Proben gereicht werden«, sagt Bluhm, der gerade mit seiner ganzen Familie aus Bad Sachsa angereist ist.

Jan-Peter Bluhm aus Gütersloh ist beim Landmaschinenhersteller Claas tätig und kommt häufig zum Laufen und Mountainbiken in den Harz. Dabei macht er regelmäßig einen Abstecher zur Hammerschmiede.

Als er 2015 zum ersten Mal nach Zorge kam, hat Jan-Peter Bluhm sich schon etwas darüber gewundert, dass manche Häuser des Ortes nicht mehr im besten Zustand sind. Hier eine Whisky-Destille solchen Formats vorzufinden, hatte er nicht erwartet.

Text, Fotos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop