Wintersport

»Ski-Alpin im Harz – geht das? Und ob!«

Ich habe es hautnah erlebt. Das Alpen-Feeling im Harz. Mit der Gondel geht es von Braunlage auf den fast 1000 Meter hohen Wurmberg. Man kommt aus der Bergstation und hat einen wunderbaren Blick auf den gegenüberliegenden Brocken, früher Sehnsuchtsziel vieler Dichter und Denker. Die bizarren, schneebehangenen und vereisten Fichten auf der Wurmberg-Kuppe, die klare Bergluft bei 10 Grad minus, hervorragend präparierte sonnenbeschienene Pisten. »Ski-Fahrer-Herz, was willst Du mehr?«

Norddeutsche, die nur für ein paar Tage Ski laufen möchten, für die lohnt sich keine lange Anreise in die Alpen. Daher trifft man auf den insgesamt 13 Pistenkilometern des Wurmberges heute nicht nur Wolfenbütteler, Braunschweiger und Quedlinburger aus dem Harzvorland, sondern jede Menge Berliner, Hamburger, ja sogar Leipziger (Anreise: 2 Stunden) kommen nach Braunlage, um Ski-Alpin zu genießen.

»Der Harz – ein Wintertraum«

In der ersten Februar-Hälfte war es genauso wie Goethe den Harz erlebt haben muss, ein Wintertraum. »Ich stand in der Mittagsstunde, grenzenlosen Schnee überschauend, …«, schrieb er. Ähnlich erging es mir auf der Kuppe des Wurmberges, die mir viel besser gefällt als das Plateau des Brockens, wo Goethe gestanden hat.

Ein Skigebiet von fast alpiner Dimension mit 15 Pisten aller Schwierigkeitsgrade.

Ich empfinde den Wurmberg, Niedersachsens Höchsten, in seinem oberen Teil viel heimeliger, naturnäher, als sein Pendant. Die Bergstation mit der gegenüberliegenden Almhütte – wirkt nicht überdimensioniert, so dass keine Rummelplatz-Atmosphäre entsteht. Der Hüttenname »Gipfelstürmer« hätte – zugegeben – etwas fantasievoller gewählt werden können.

Verschneite Fichten in allen Größen, die immer wieder den Blick freigeben auf das miniaturhaft erscheinende Braunlage, bei guter Fernsicht sogar bis nach Braunschweig. »Es ist eigentlich viel zu schön zum Skifahren«, sagt neben mir jemand und zückt sein Handy, um ein Foto zu machen.

»Eine fast alpine Dimension«

Völlig überrascht hat mich dann die unerwartet fast alpine Dimension des Skigebiets mit seinen 15 Abfahrten aller Schwierigkeitsgrade. Wie es heißt, ist es das größte und höchste Skigebiet in ganz Norddeutschland und der mit 4,7 Kilometern längsten deutschen Abfahrt nördlich der Alpen. Für Gelegenheits-Skifahrer wie mich, haben im Besonderen die »blauen« großzügig breiten Pisten das ideale Kaliber, um die Geschwindigkeit perfekt zu dosieren und Stürze zu vermeiden. Natürlich gibt es auch höchst anspruchsvolle Strecken wie die Abfahrt »Hexenritt«, die an die mystische Seite des Harzes und seine rätselhafte Sagenwelt erinnert.

»Warum ist Skifahren so attraktiv?«

Das Lob der Achtsamkeit, also die volle Konzentration auf eine einzige Sache, ist heute in aller Munde. Beim Skifahren ist Achtsamkeit die Grundvoraussetzung, um nicht auf dem Hosenboden zu landen. Ski- und Snowboard-Fahren erfordern Körperbeherrschung und Spaß an der Bewegung, sind aber gleichzeitig auch Naturerlebnis. Dies alles macht den Sport für viele so attraktiv.

»Und was ist mit Aprés-Ski?«

Es ist schon richtig, das Aprés-Ski-Programm könnte in Braunlage üppiger sein. Es ist aber auch richtig, dass viele 30- bis 50-Jährige in den Harz kommen, um den Stress im Beruf für ein paar Tage hinter sich zu lassen, bei klarer Bergluft und viel Bewegung neue Energie zu tanken. Zum Beispiel Stefanie (28) und Sebastian (35) aus Potsdam. Sie fahren morgens Ski und genießen nachmittags das Wellness-Programm des Relaxa-Hotels in Braunlage. »Uns steht der Sinn nicht nach Disko. Aus dem Alter sind wir bereits raus«, sagt das Paar, das zum ersten Mal im Harz ist und fügt hinzu: »Uns gefällt es ausgesprochen gut hier. Wir sind rundum zufrieden.« Der Harz sei ideal für einen spontanen Kurzurlaub.

Morgens Skifahren, nachmittags Wellness im Braunlager Relaxa-Hotel: Stefanie und Sebastian Pasewaldt aus Potsdam vermissen nichts bei ihrem ersten Urlaub im Harz.

»Imagetransfer durch Leuchtturm-Projekte«

Nicht zuletzt durch neue Projekte wie das Ski-Alpin-Zentrum am Wurmberg verliere der Harz das Image des Langweiligen und Spießigen, erfahre ich im Lift von drei auskunftsfreudigen Bad Harzburgern, die über aktuelle Entwicklungen hervorragend informiert sind. Sie verweisen auf weitere Leuchtturm-Projekte wie das Torfhaus-Ressort. Darüber hinaus werde im Juni in Bad Harzburg das sogenannte Ettershaus eröffnet. Ein Nobelhotel auf einem großen Areal mit vielfältigem Angebot wie einem separaten Steakhouse und originellen Baumhäusern für den »Abenteuer-Familienurlaub«.

»Die Geschichte mit der Sprungschanze«

In einem meiner Ski-Liftgespräche ging es um die inzwischen abgebaute Sprungschanze des Wurmbergs. Das Gerüst mit dem Podest hat man stehen lassen. Früher befand sich die Aussichtsplattform der Schanze auf exakt 1000 Meter Höhe, während der Wurmberg 971 Meter erreicht.

Zu DDR-Zeiten sei die Nutzung der Schanze nicht unproblematisch gewesen, erfahre ich. Da sie gefährlich nahe an der damaligen Zonengrenze gelegen habe, musste mit Gummiseilen verhindert werden, dass die Ski-Springer nach dem Aufsetzen auf DDR-Territorium zum Stehen kamen.

»Geheim-Tipp: Pünktlich an der Gondel sein«

Die Abfertigung an der Gondel funktioniert perfekt, wenn, ja wenn man nicht Tage erwischt, an denen Menschenmassen auf den Wurmberg drängen. Dann kann es passieren, dass man schon mal zwei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen muss. Um solchen Widrigkeiten aus dem Wege zu gehen, sollte man pünktlich zur Eröffnung der Seilbahn um 8.45 Uhr am Schalter sein. Andererseits: Wartezeiten muss man zuweilen auch in renommierten Skigebieten in den Alpen in Kauf nehmen.

Im Tal erscheint miniaturhaft Braunlage.

»Internet-Präsenz verbesserungsbedürftig«

Bei der Darstellung des Wurmberg-Skigebiets im Internet gibt es nach Meinung zahlreicher, im Besonderen jüngerer Gesprächspartner, noch Luft nach oben. Das Ambiente und die Dimension würden optisch, also was die Bildsprache angeht, kaum deutlich.

Ski-Begeisterte aus den nahen ostdeutschen Bundesländern kommen in den Winterferien mit ihren Kindern in großer Zahl zum Wurmberg. Eine Woche später dominieren dann dänisch und niederländisch auf den Pisten – weil es dort ebenfalls Winterferien gegeben hat – sehr zur Freude von Hoteliers und Pensionsbesitzern. Braunlage braucht nun mal den Wintertourismus.

»Suppe bei Puppe«

Die drei Bad Harzburger haben zum Schluss noch einen besonderen Tipp für mich. Sie hatten eine 4-Stunden-Karte gelöst und sind zur Mittagszeit im Begriff, nach Harzburg zurückzukehren. Vorher wollen sie noch im Feinkostgeschäft Puppe in Braunlage eine der legendären Suppen genießen. »Die müssen Sie unbedingt probieren«, rufen sie mir zu. Von anderen erfahre ich, dass es bei Puppe weithin bekannte Wurstspezialitäten vom Hirsch und vom Wildschwein geben soll.

»Weitere Liftgespräche«

  1. Klar, ein Skigebiet wie der Wurmberg ist nun mal extrem abhängig von der Schneelage. Und die über 100 Beschneiungsanlagen – gespeist von einem extra auf der Wurmberg-Kuppe angelegten sogenannten Schnei-See – können erst ab minus 4 Grad ihren Dienst aufnehmen. Die gesamte Anlage, in die 2013 rund 12 Millionen Euro investiert wurde, ist im Winter daher stark von den Wetterverhältnissen abhängig. Ab 34 Betriebstagen mit hinreichender Schneelage erreicht der Betrieb die schwarzen Zahlen, weiß ein Liftnachbar zu berichten.
  2. Was im Vergleich zu vielen Skigebieten in den Alpen angenehm auffällt, ist der weitgehende Verzicht auf lautstarke Musikberieselung an den Hütten.
  3. Der Betreiber sorgt immer wieder für neue Attraktionen. So ist in diesem Winter zum ersten Mal das Skifahren bei Flutlicht möglich.
  4. Und was ist aus der Idee einer Ski-Schaukel ins benachbarte Schierke geworden? »Das Projekt ist noch nicht vom Tisch«, erzählt ein anderer Liftbegleiter. Dies bestätigt auch Dirk Nüsse. Der Betreiber der Wurmberg-Seilbahn würde es sehr begrüßen, wenn es eine echte Ski-Schaukel geben würde und nicht nur eine einzelne Abfahrt.

Der Wurmberg ist mir in diesem Winter ans Herz gewachsen. Die Erinnerungsspeicher sind prall gefüllt. Und ich freue mich bereits darauf, ihn von seiner grünen Frühlingsseite zu entdecken.

Text, Fotos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

Kurzportrait »Skifahren am Wurmberg«
  • Pisten: 15 mit insgesamt 13 Kilometern
  • Längste Abfahrt: 4,3 Kilometer
  • Rodelbahn: 1 (Länge: 1.600 m)
  • Seilbahnbetrieb: 8.45 bis 16.10 Uhr
  • Tageskarte: 32 Euro (Erwachsene), 16 Euro (Kinder)
  • Besonderheiten: Nacht-Skilauf
  • Internet: www.wurmberg-seilbahn.de