Autor: Jochen Hotop

  • Sternwarte Sankt Andreasberg: Mit bloßem Auge die Milchstraße sehen

    Sternwarte Sankt Andreasberg: Mit bloßem Auge die Milchstraße sehen

    St. Andreasberg im Harz ist für Sternengucker einer der besten Orte in Deutschland. Hier – auf über 700 Metern Höhe – gibt es noch stock-dunkle Nächte. »Licht- und Luftverschmutzung« sind äußerst gering. »Mit bloßem Auge kann man in vielen Nächten die Milchstraße oder die Andromeda-Galaxie sehr gut sehen oder mit Teleskopen sogar Gasnebel oder eine Supernova fotografieren «, sagt Utz Schmidtko, Vorsitzender der 2014 eröffneten Sternwarte Sankt Andreasberg. Seine Aufnahme – Belichtungszeit: zwei Minuten – zeigt unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße, die zwischen 100 und 300 Milliarden Sterne beherbergt. Sie ist eine von Milliarden weiterer Galaxien. Wir fragten Schmidtko nach der aktuellen Entwicklung der Sternwarte.

    Harzbeat: Herr Schmidtko, die Sternwarte St. Andreasberg entwickelt sich mehr und mehr zu einem touristischen Anziehungspunkt. Gibt es zum Astro-Tourismus belastbare Zahlen für den Harz?

    Schmidtko: Der Astro-Tourismus nimmt stark zu. Eine genaue Zahl haben wir allerdings noch nicht. Wir gehen in Deutschland von mehreren 100.000 Personen aus, die sich mit der Astronomie befassen, darunter in der Mehrzahl betuchte Leute. Manche leisten sich sogar Teleskoptechnik, die dem Wert eines Kleinwagens entspricht.

    »Astro-freundliche Pensionen und Hotels«

    Harzbeat: Das heißt, auch Harzer Pensionen und Hotels profitieren vom Trend zum Astro-Tourismus?

    Schmidtko: Es kommen immer mehr Touristen allein wegen der Sternwarte in den Harz. Wir haben sogar schon eine Liste mit astro-freundlichen Pensionen und Hotels zusammengestellt, mit denen wir kooperieren. Besonders erfreulich ist dabei: Das steigende Interesse für Astronomie hat auch etwas mit einem veränderten Bewusstsein zu tun. Die Menschen befassen sich wieder mehr mit der Natur. Ich halte es für ein großes Manko, wenn Kinder und Jugendliche ohne den Sternenhimmel aufwachsen und – wie auch viele Erwachsene – glauben, sie seien der Nabel der Welt. Beim Blick in die Unermesslichkeit des Himmels relativiert sich das irdische Dasein und man wird wieder ein Stück weit geerdet.

    »Höchste Sternwarte Norddeutschlands«

    Harzbeat: Sie kommen gerade aus Namibia, wo nach Ihren Worten »die Milchstraße so hell erscheint, dass sie Schatten wirft«. Was macht St. Andreasberg als Standort für eine Sternwarte so attraktiv?

    Schmidtko: St. Andreasberg hat in 700 Metern Höhe die höchste Sternwarte in Norddeutschland. Dadurch haben wir eine sehr geringe Licht- und Luftverschmutzung, zumal auch keine Großstadt und keine Industrie in der Nähe sind. Wir sind inzwischen eine der bekanntesten Sternwarten Deutschlands.

    Zu uns kommen Astronomen und Amateur-Astronomen gleichermaßen. Sie finden hier hervorragende Bedingungen vor. Viele sind bereits Mitglied geworden. Wir verfügen auf dem Außengelände neben dem Internationalen Haus Sonnenberg über fünf Teleskop-Säulen , die für verschiedene Montierungen hergerichtet sind (12V und 220V). Alles ist für behinderte Menschen vollkommen barrierefrei. Damit sind wir übrigens die Ersten in Deutschland.

    Harzbeat: Wie ist man auf St. Andreasberg als Standort für eine Sternwarte gekommen?

    Schmidtko: Wie so häufig im Leben, durch einen Zufall. Ein Tourist aus Duisburg brachte vor einigen Jahren sein Teleskop mit und sagte zu seinem Vermieter: »Ihr müsst hier eine Sternwarte bauen. Die Bedingungen sind perfekt.« Heute haben wir bereits 500 Adressen von Gästen, die immer wieder kommen.

    »…und plötzlich reißt der Himmel auf«

    Harzbeat: An wieviel Tagen im Jahr gibt es in St. Andreasberg ideale Bedingungen?

    Schmidtko: Das ist eine schwierige Frage. Häufig ist der Himmel anfangs nicht ganz klar und plötzlich – sagen wir gegen 2 Uhr in der Nacht – reißt er total auf. So war es kürzlich beim Besuch eines Holländers, der noch nie den Saturn gesehen hatte. Natürlich schauen wir immer vorher auf die Wetterkarte und das Satellitenbild. Sie können sich vorstellen, dass wir zu besonderen Anlässen wie den Sternschnuppennächten die ganze Nacht in den Himmel schauen.

    Harzbeat: Was steht für die Sternengucker im Vordergrund, das Schauen oder das Fotografieren?

    Schmidtko: Zwei Drittel etwa kommen zum Gucken, ein Drittel zum Fotografieren.

    Harzbeat: Sie sind also mit der Entwicklung der Sternwarte rundherum zufrieden.

    Schmidtko: … ohne die Arbeit unserer 120 ehrenamtlichen Mitglieder wäre das Projekt Sternwarte nicht ein so erfolgreiches Leuchtturmprojekt für ganz Niedersachsen und darüber hinaus geworden.

    Die häufigste Frage der Gäste der Sternwarte von Sankt Andreasberg

    Harzbeat: Welches ist die häufigste Frage Ihrer Gäste?

    Schmidtko: Kinder und Jugendliche wollen vor allem wissen, ob es noch anderes Leben im Universum gibt. Unsere Antwort: Ja, es ist bei Milliarden von Galaxien, die wiederum viele Milliarden Sterne beherbergen unwahrscheinlich, dass das nicht der Fall ist. Ansonsten gehen die Fragen quer Beet. Häufig drehen sich die Themen um besondere Astroaufnahmen, die jemand gemacht hat.

    Harzbeat: Welches ist die entfernteste Galaxie, die man von St. Andreasberg aus sehen kann? Wieviele Lichtjahre entfernt?

    Schmidtko: Da muss ich passen. Wenn jemand zum Beispiel mit einer Belichtungszeit von 20 Stunden – also über mehrere Nächte – ein Bild macht, fängt er Photonen weit entfernter Galaxien ein, die nur der Kamera-Chip sichtbar machen kann. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann: Mit bloßem Auge sieht man bei uns die Andromeda-Galaxie, unsere Nachbargalaxie.

    Sankt Andreasberger Sternwarte hat große Pläne

    Die überaus positive Entwicklung der Sternwarte Sankt Andreasberg spornt die Vereinsmitglieder an, in größeren Dimensionen zu denken: In einigen Jahren könnte in der drei Kilometer außerhalb des Ortes beheimateten Sternwarte eine große Kuppel zur Verfügung stehen. Das berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) am 24. Dezember 2018.

    Die Journalistin Gabriele Schulte informierte in der Zeitung nicht nur darüber, was die Astronomen zum Stern von Bethlehem zu sagen haben, sondern auch über Pläne, in der Region St. Andreasberg einen Sternenpfad mit sieben Standorten und den entsprechenden barrierefreien Installationen zu errichten. Als Zukunftsvision könnte es dann später einmal 20 Standorte geben, die über den gesamten Harz verteilt sind.

    Darüber hinaus wurde in dem HAZ-Bericht darüber berichtet, dass die Sternwarte in den letzten beiden Votingwettbewerben »Ihre Besten im Harz« des Tourismusverbandes sowohl 2015 als auch 2017 den ersten Platz in der Kategorie »Natur pur« belegt hat.

    Text und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

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    • Höchstgelegene Sternwarte in Norddeutschland
    • Einer der besten Nachthimmel in Deutschland (laut Bundesamt für Naturschutz)
    • Vollständig barrierefrei als erste Sternwarte in Deutschland
    • Bei Veranstaltungen: Projektion des Universums direkt vom Teleskop in den Vortragsraum

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  • Goslar: Ausstellung von Kaiserring-Preisträger Wolfgang Tillmans

    Goslar: Ausstellung von Kaiserring-Preisträger Wolfgang Tillmans

    Das Mönchehaus-Museum in Goslar zeigt noch bis 27. Januar 2019 eine Ausstellung von Wolfgang Tillmans, der Ende September mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet wurde.

    »Ungewöhnlicher Ausstellungsort«

    Der deutsche Künstler, der heute in London und Berlin lebt, genießt international einen ausgezeichneten Ruf. Im Mönchehaus-Museum, einem 500 Jahre alten Fachwerkhaus, zeigt Tillmans eine Auswahl seiner Kunst der letzten Jahrzehnte.

    Der 50-Jährige experimentiert mit den verschiedensten fotografischen Ausdrucksformen, darunter Stillleben, Portraits, Landschafts- und Himmelsaufnahmen, aber auch mit besonderen Kopiertechniken und Präsentationsformen. Seine Vielseitigkeit stellt er darüber hinaus durch eigene Publikationen sowie Videos und Musikproduktionen unter Beweis.

    In einer Zeit zunehmender Komplexität und Polarisierungen versucht Tillmans mit seinen Arbeiten nicht nur die besonderen Momente festzuhalten, sondern auch Gegensätze und Widersprüche aufzuzeigen. Angetrieben werde er nach den Worten der international besetzten Kaiserring-Jury von den großen Fragen nach der Wahrheit, nach Erkenntnisgewinnung, nach Schönheit, nach Freundschaft, nach Freiheit…

    »Poesie und Ernüchterung«

    Es gehe ihm dabei um das Ausloten der Grenzen von Fotografie sowie das Austarieren zwischen Poesie und Ernüchterung. Auf seinen zahlreichen Reisen habe er die vielfältigen Erscheinungen unserer globalisierten Welt und die Einzigartigkeit der Orte festgehalten.

    Tillmans künstlerisches Werk ist in großen Ausstellungen weltweit gewürdigt worden – zuletzt in der Londoner Tate Modern. Die Freude über die Verleihung des Kaiserrings, eines der renommiertesten Kunstpreise der Gegenwart, ist bei Wolfgang Tillmans umso größer als er die Geschichte des Kaiserrings jahrzehntelang aufmerksam verfolgt und dabei durchaus darauf gehofft hat, irgendwann selbst zu den Preisträgern zu gehören.

    »Die Wahrheit und das Leben ertragen«

    Zu seiner Bildsprache hat Wolfgang Tillmans in einem Interview gesagt: »Ich habe immer das Anliegen, (…) andere Leute zu ermutigen, ihren Augen zu trauen und die Wahrheit oder das Leben zu ertragen.« Er ist der 43. Kaiserring-Preisträger unter denen so klingende Namen wie Olafur Eliasson, Jörg Immendorf, Sigmar Polke, Cindy Sherman, Christo und Josef Beuys zu finden sind.

    »Plakattaktion gegen den Brexit«

    Tillmans wurde in Remscheid geboren und im Jahr 2000 als erstem Fotografen und nichtbritischem Künstler der Turner Prize verliehen. Seit 2013 ist er Mitglied der Royal Academy of Arts. Wolfgang Tillmans versteht sich durchaus auch als politischer Mensch. So hat er sich zum Beispiel mit einer groß-angelegten Plakattaktion gegen den Brexit gewendet. Dem Spiegel sagte er, es sei wichtig, sich in Europa darauf zu besinnen, was uns zusammenhält, nicht was uns trennt.. Tillmans: »Wir müssen wach bleiben, nicht das Klischee im Anderen zu sehen.« Freiheiten, Werte und Rechte seien nicht selbstverständlich. »Sie werden angegriffen. Man muss sie verteidigen.«

    Text, Fotos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    [su_box title=“Tillmans im Pariser Centre Pompidou“ style=“noise“ box_color=“#ffffff“ title_color=“#c83737″ class=“infobox–redBorder“]

    Im Juni 2025 ist Wolfgang Tillmans auf 6.000 Quadratmetern im Pariser Centre Pompidou zu sehen. Diese Ausstellung sei »spektakulär groß«, schreibt der Spiegel (Nr. 19 vom 3. Mai) über den Goslarer Kaiserring-Preisträger, der vom »Time«-Magazin zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gezählt wird.

    Unter seinen vielen Werken ist auch die Fotografie »Kate Moss« aus dem Jahre 1996 zu sehen. Die »Vogue«- Chefin Anna Wintours sei auf ihn zugekommen, sagte Tillmans im Spiegel-Interview. »Sie wollte, dass ich etwas für sie fotografiere und fragte, worauf ich Lust hätte. Ich meinte spontan: Kate Moss, die schönste Frau der Welt. Meine Bedingung war, dass ich keine typischen Modebilder schaffen und es auf meinem ästhetischen Terrain stattfinden mußte… …und so haben wir aus der Situation heraus etwas mit ihr und ihrem irren Talent gemacht.«

    Zu dem Bild, dass Kate Moss mit Erdbeeren und Kartoffeln zeigt, meinte Tillmans, er liebe das Absurde und den Spaß, auch wenn das in Besprechungen seiner Ausstellungen selten erwähnt werde. Albernheit sei manchmal eine angemessene Reaktion auf eine verquere Welt.[/su_box]

    Mönchehaus-Impressionen

  • »Hohegeiß: Die Hauptstadt der ältesten Bäume im Harz«

    »Hohegeiß: Die Hauptstadt der ältesten Bäume im Harz«

    Es sind Riesen aus einer längst vergangenen Zeit. Sie überragen mit ihren 50 Metern alle anderen Bäume im Wolfsbachtal bei Hohegeiß im südlichen Harz. Die »Dicken Tannen« – wie sie genannt werden – sind mindestens über 300 Jahre alt, kommen aber langsam an ihre Altersgrenze. 18 von ihnen gibt es noch. Das Wolfsbachtal ist ein einzigartiges Biotop, in dem sich »kleine Urwälder« mit Bergwiesen abwechseln. Wer die absolute Stille sucht – nur unterbrochen durch das Klappern des Schwarzstorchs, das Klopfen des Spechts und das Gurren der Hohltaube – für den ist der etwa vier Kilometer lange Wanderweg ein Erlebnis der besonderen Art. Für Touristen, die die Geheimnisse des Waldes erkunden wollen, ist Hohegeiß ein »Geheim-Tipp«. Das wird in einem Gespräch mit dem dortigen Revierförster Matthias Lüttgau deutlich.

    Knorrige Äste
    In den knorrigen Ästen finden Spechte einen reich gedeckten Tisch – kleine Raupen und andere Insekten.

    Im Tal der Dicken Tannen: Hohegeiß im Harz

    Die Riesen des Wolfsbachtals, von denen es 1893 noch 119 (1978 noch 58) gab, sind über eine Fläche von vier Hektar verstreut. Ihr genaues Alter, so Matthias Lüttgau, läßt sich nicht eindeutig bestimmen. Sie könnten sogar bis zu 400 Jahre alt sein.

    Wenn man von »Dicken Tannen« spricht, sei das eigentlich nicht ganz korrekt. Der Volksmund verwende für die Fichten des Harzes häufig den Begriff Tanne und ältere Harzer hätten die Fichte zuweilen als Rottanne bezeichnet.

    Sind die »Dicken Tannen« die höchsten Bäume des Harzes? Lüttgau will sich nicht festlegen. »Auf jeden Fall die ältesten.« In Westerhof zwischen Seesen und Gandersheim habe es auch einmal ziemlich hohe Tannen gegeben. »Ob die Exemplare in Hohegeiß höher sind, hat wohl noch niemand gemessen.«

    Obwohl die »Dicken Tannen« im Tal stehen, überragen sie gleichaltrige Bergahorne, Buchen, Eschen und Ulmen um ein ganzes Stück. Dies wird besonders deutlich, wenn die Laubbäume keine Blätter haben.

    »Bis zu 5 Meter Umfang«

    Obwohl die Dicken Tannen von Hohegeiß im Harz tief im Wolfsbachtal stehen, überragen sie die gleichaltrigen Bergahorne, Buchen und Eschen um ein ganzes Stück. Die stärksten haben einen Umfang von fünf Metern. Offensichtlich ist es ihnen gelungen, die letzten Orkane unbeschadet zu überstehen…. »Leider nicht«, entgegnet Lüttgau, »auch beim Sturm ›Friederike‹ sind wieder welche umgebrochen. Die Fichten sind inzwischen an einer Altersgrenze angelangt.« Manche würden dann in der Förstersprache »innen ein wenig rotfäulig« sagen. Auslöser können zum Beispiel der Hallimasch-Pilz oder an jüngeren Fichten das Rotwild durch Schälen der Rinde sein. Andererseits habe es bei Friederike auch einen kerngesunden Baum mit wunderbar weißem Holz erwischt. »Er wurde bei einer starken Böe regelrecht abgedreht.«

    Das ein trocken gewordener Riese fällt, dazu braucht es zuweilen nicht mal einen Sturm. Lüttgau: »Ich saß an einem windstillen Sommertag mit meiner Frau auf der Terasse, als eine dicke Fichte umgefallen ist. Es krachte dermaßen, dass man es bis hinauf nach Hohegeiß spüren konnte. Ich bin dann sofort ins Tal gefahren, um nachzusehen.«

    »Uraltes Prachtexemplar«

    Auch nach 300 Jahren von der Spitze bis zum Boden noch ein volles Nadelkleid.

    Aber es gibt durchaus noch kerngesunde, uralte Fichten. So steht am Eingang des Wolfsbachtals in der Nähe des Hotel-/Restaurants »Wolfsbachmühle« ein wunderschönes Exemplar, das von der Spitze bis zum Boden ein herrliches Nadelkleid trägt. Von der einen Seite hat man einen überraschenden Blick auf das arm-dicke Astwerk, ein Lieblingsplatz der Spechte, die hier einen reich gedeckten Tisch vorfinden.

    Ein Förster wie Lüttgau, der für insgesamt 1620 Hektar Wald verantwortlich ist, kennt natürlich den Grund für das prächtige Nadelkleid: Die Fichte wird früher als Solitärbaum auf einer Wiese gestanden haben, kriegte immer genügend Licht und konnte sich ohne den Konkurrenzdruck anderer Bäume gut entwickeln. Den Fichten, die ja eigentlich sauren Boden lieben, bekommt es ganz gut, dass sie in einem Mischwald stehen. Der Laubfall sorgt für ein reichhaltiges Nährstoff-Spektrum.

    Wie kommt es, dass die Fichten nie auf dem Radarschirm der Sägewerke gelandet sind? Das Tal, vermutet Matthias Lüttgau, ist im 17. und 18. Jahrhundert noch unzugänglich gewesen, zumal der Abtransport von Stämmen damals mit Pferden erfolgte. Später seien sie für die Holzwirtschaft dann uninteressant geworden, da sie aufgrund ihres Umfangs nicht mehr in das Sägegatter passten. Irgendwann sei dann jemand auf die Idee gekommen, die Bäume unter Schutz zu stellen.

    »Pflege des ökologischen Erbes«

    Für wertvolle Lebensräume wie das Wolfsbachtal sind Schutzmaßnahmen eine Selbstverständlichkeit. So dachte 1989 auch der Landkreis Goslar und erklärte das Gebiet »Dicke Tannen« wegen seiner »Seltenheit, Eigenart und Schönheit« zum Naturdenkmal. »Leider wurde diese Entscheidung 2008 wieder zurückgenommen«, bedauert Lüttgau, »da die Sicherung der Wanderwege etwa vor herabfallenden Ästen den Landkreis viel Geld gekostet hat.« Heute liege die Schutzfunktion wieder bei der Forstverwaltung.

    Revierförster – das ist eine ihrer Hauptaufgaben – gehen leicht und locker mit Fachbegriffen wie Prozessschutz, FFH-Richtlinie, Landschaftsschutzgebiet Harz, Hotspot und Natürliche Waldentwicklung um. Für den Außenstehenden ist es da nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten. Welche dieser Maßnahmen sind nun für das Wolfsbachtal von Bedeutung, Herr Lüttgau? Auf europäischer Ebene greift zunächst die FFH-Richtlinie, nach der Pflanzen (Flora), Tiere (Fauna) und Lebensräume (Habitate) geschützt werden können. Und auf Landkreisebene gibt es die Verordnung »Landschaftsschutzgebiet Harz«. Aus Sicht von Matthias Lüttgau aber hat das Programm der Landesforsten »Natürliche Waldentwicklung 10« einen sehr hohen Stellenwert. Die Gebiete, die durch dieses Programm geschützt sind, werden nicht mehr angetastet. Hier herrscht im Fachjargon »absoluter Prozessschutz«, das heißt, es finden keinerlei forstliche Maßnahmen mehr statt. Umgefallene Bäume bleiben einfach liegen, abgestorbene einfach stehen. Lediglich Wanderwege werden geräumt und vor herabfallenden Ästen bewahrt, genauso Bachläufe, damit das Wasser nicht angestaut wird.

    Wild und mystisch geht es im Wolfsbachtal zu. Das Totholz der gefallenen Riesen ist heute der Lebensraum, zum Beispiel für Bakterien, Moose, Pilze und viele Kleintiere.

    »Das Schützenswerteste hieß früher Hotspot«

    Matthias Lüttgau gehört zu denjenigen, die den flächendeckenden Prozessschutz eines ausgesuchten Gebiets – früher wurden nur Einzelbäume und Baumgruppen unter Schutz gestellt – von Anfang an befürwortet haben. »So entsteht in der Alterungs- und Zerfallphase des Waldes ein wertvoller Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen.« Einen konsequenten Prozessschutz könne man heute an vielen Stellen des Harzes beobachten. Die 4,2 Hektar große Habitat-Baumfläche im Wolfsbachtal sei im übrigen der Grund für die enorme Artenvielfalt dieses Lebensraumes. Lüttgau: »Früher hätte man für eine derartige Fläche den Begriff ›Hotspot‹ verwendet, als Umschreibung für das Höchste, Schützenswerteste überhaupt.«

    Kommt es durch den Prozessschutz nicht zu Konflikten mit der Holzwirtschaft und zu Einnahmeverlusten beim Fiskus? Für Matthias Lüttgau ist diese Sichtweise nicht stichhaltig. Es gibt, so der Revierförster, überall genügend Waldflächen, die forstwirtschaftlich genutzt werden können. Und die Niedersächsischen Landesforsten, die in Braunschweig ansässig sind, hätten bei der Erreichung der Umsatzziele durchaus auch den Naturschutz im Auge. Die Forderung, eine bestimmte Prozentzahl des Waldes unter Schutz zu stellen, sei ja aus dem Landtag gekommen.

    »50 gefährdete Pflanzenarten«

    Als Förster ist Matthias Lüttgau immer wieder begeistert von der Artenvielfalt des Wolfsbachtals: »Es ist sozusagen ein Nationalpark im Kleinen. Spechte finden hier Insekten im Übermaß und in alten Spechthöhlen brütet dann wiederum die Hohltaube. In kaum einer Ecke des Harzes gibt es so viele Buntspechte wie hier.« Durch die Bergwiesen und vielen Bäche sei auch der Schwarzstorch gern im Revier und als ganz seltener Gast der Wanderfalke, dessen Brutplätze Lüttgau aber aus gutem Grund nicht verraten will.

    Ins Schwärmen gerät der Revierförster auch, wenn er auf die Vielzahl an seltenen Pflanzenarten zu sprechen kommt, darunter die Mondviole von der roten Liste. Sie fühlt sich in feuchten Bachtälern besonders wohl und hat ein mondförmiges Blatt, das im Herbst einen transparenten, silbrigen Ton annimmt. Auf den Bergwiesen von Hohegeiß findet man 50 weitere gefährdete Pflanzenarten, darunter sechs verschiedene Orchideenarten sowie Arnika, Trollblume, Bärwurz, Storchenschnabel, Feuerlilie und Herbstzeitlose.

    Idylle pur: Das Waldgasthaus Wolfsbachmühle.

    »Blickfang: Wolfsbachmühle«

    Der Name des Wolfsbachtals und des Wolfsbergs erinnern daran, dass es hier vor rund 250 Jahren noch Wölfe gab. Lüttgau: »Der letzte wurde 1756 zwischen Hohegeiß und Zorge erlegt.«

    Wer im Ortskern von Hohegeiß seine Wanderung beginnt, kann nach etwa 800 Metern im Waldgasthaus »Wolfsbachmühle« einkehren – weltentrückt in einer Idylle pur. Für die hier gebotene Hausmannskost findet Matthias Lüttgau nur lobende Worte (»Super-Essen, nette Bedienung, reelle Preise«). Auch Forelle und Wild ständen manchmal auf der Karte.

    Das Gebäude sei kurz nach 1700 erbaut und 200 Jahre lang als Getreidemühle betrieben worden. Seit der Stilllegung wird es als Hotel und Ausflugsgaststätte genutzt.

    Auf dem ausgeschilderten Rückweg nach Zorge kommen wir nach einem Abstecher zur Schutzhütte »Nordhäuser Blick« an eine Stelle, wo im Nordosten auf einem Hochplateau Hohegeiß (Foto) zu sehen ist.

    »Durch den Tourismus ist Hohegeiß gut ausgelastet«

    Wodurch zeichnet sich Hohegeiß heute aus? Matthias Lüttgau muss nicht lange überlegen: Es ist mit 1000 Einwohnern der mit 642 Metern höchstgelegene Kur- und Wintersportort im Harz. Ein altes Bergdorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, von dem man weit ins Thüringer Bergland schauen kann.

    Hohegeiß lebe heute überwiegend vom Tourismus, von Menschen, die die Stille der Natur genießen wollen, wandern oder Mountainbiken. Eine Zeit lang sei der Ort auf einem absteigenden Ast gewesen. Dies habe sich nach der Grenzöffnung durch das größere Einzugsgebiet – Halle, Leipzig und vor allem Thüringen – aber geändert. Lüttgau: »Ferienwohnungen und Hotels sind jetzt wieder ganz gut ausgelastet. Und: Immer mehr Holländer legen sich hier ein Häuschen zu.« Ob dies bereits mit der Angst der Küstenorte vor dem Klimawandel oder eher mit den günstigen Hauspreisen zusammenhängt, lässt Lüttgau dahingestellt. Zu einem Punkt äußert er sich in diesem Zusammenhang aber dennoch: »Während sich viele im Flachland über das heiße Sommerwetter beklagt haben, ist es in Hohegeiß drei bis vier Grad kühler und damit erträglicher gewesen.«

    »Panoramic: Nicht alle Wünsche sind in Erfüllung gegangen«

    Nicht immer gehen im Tourismus alle Wünsche in Erfüllung. Als das Panoramic-Hotel 1972 in Hohegeiß gebaut wurde, so Lüttgau, habe man dem Ort sozusagen als Gegenleistung ein Kurhaus versprochen. »Die heutige Realität hat mit den Hoffnungen von damals allerdings nur noch wenig zu tun. Das Kurhaus war lange geschlossen. Inzwischen hat sich ein neuer Pächter gefunden.  Einer der beiden Türme des Panoramic ´s beherbergt heute Ferienwohnungen, der andere wird zwar als Hotel genutzt, hat aber mehrere Verwalterwechsel hinter sich. Das ist sehr schade, zumal der Komplex vor einem herrlichen Waldpanorama steht. Von den oberen Etagen hat man einen tollen Blick über den Harz«, findet Matthias Lüttgau und hofft auf eine erfolgreichere Zukunft mit nachhaltigen Ideen.

    »Wanderungen auf der alten Bobbahn«

    Rund um Hohegeiß gibt es eine Vielzahl interessanter Wanderwege. Zum Beispiel auf der alten Bobbahn, wo nach 1900 mit dem Rodelschlitten sogar Wettbewerbe ausgetragen worden sind. Sie liegt im Südosten von Hohegeiß und reicht fast bis nach Zorge hinunter.

    Sehr beliebt ist auch der sogenannte Briefträgerweg, den der Postzusteller von Braunlage kommend genutzt hat. Die Zeit vergeht der Name Briefträgerweg ist geblieben.

    »Blick bis zum Eichsfelder Dom«

    Wann hat Matthias Lüttgau, der aus Vienenburg stammt, sein Herz für Hohegeiß und den Wald entdeckt? Eine Geschichte sei ihm immer plastisch in Erinnerung geblieben. Als Neunjähriger habe er gemeinsam mit Vater, Mutter und zwei Bekannten aus Düsseldorf die dickste Tanne des Wolfsbachtals umarmt. Außerdem sei er ein paarmal mit der Schule in Hohegeiß gewesen. »Vermutlich ist meine Begeisterung für den Wald in dieser Zeit entstanden.«

    Wenn Lüttgau auf der Terrasse seines Forsthauses steht, schweift sein Blick nicht nur über herrliche Bergwiesen, sondern er kann als kleinen Punkt am Horizont auch den etwa 60 Kilometer entfernten Eichsfelder Dom in Mühlhausen sehen.

    Revierförster Matthias Lüttgau in seinem Försterei-Büro.

    Die Herausforderungen in der Revierförsterei sind alles andere als einfach. In diesem Jahr mußten aufgrund von Sturmschäden rund 12 500 Festmeter Holz sowie aufgrund der Trockenheit 20 000 Festmeter »Borkenkäferholz« bewegt werden. Dies entspricht einem dreijährigen Jahreseinschlag. Während Lüttgau früher mit eigenen Leuten gewirtschaftet hat, werden die Arbeiten heute mit Lohnunternehmern erledigt.

    »Rotwild hat sich stark vermehrt«

    Zur Hege und Pflege der forstwirtschaftlichen Flächen gehört auch die Beobachtung des Wildbestandes. So habe sich im Besonderen das Rotwild in den letzten Jahren in seinem Revier stark vermehrt. Jedes Jahr müßten daher 80 bis 100 Stück erlegt werden. Die Vermarktung des Wildbrets erfolge über das Forstamt in Bad Lauterberg. Es werde überwiegend an Wildhändler verkauft, aber auch Privatleute kämen durchaus zum Zug. Sie würden das Wildbret in Zorge abholen, wo es eine spezielle Kühlkammer gebe.

    Lüttgau macht dabei gleichzeitig deutlich, dass es ihm bei der Dezimierung des Bestandes um die Vermeidung von Wildschäden gehe. »Wir brauchen das Rotwild, wollen nur etwas weniger haben. Ein Wald ohne Wild ist kein Wald!«

    »Mountainbike-Rennen mit 250 Teilnehmern im Revier«

    Mountainbike-Fahrer stören Matthias Lüttgau nicht. »Sie sind leise und machen keinen Dreck«, bringt er das Problem mit einem Satz auf den Punkt, »und sie fahren nur auf bestimmten Waldwegen.« Im Frühjahr habe es in seinem Revier sogar ein Mountainbike-Rennen mit 250 Teilnehmern gegeben. »Alles, was nicht stinkt und knattert, unterstützen wir gern.« Er ist froh, dass im Gegensatz zu anderen Ecken des Harzes die Wanderer in Hohegeiß nur ganz selten durch Motoren-Lärm belästigt werden.

    »Besser als drei Jahre Biologie-Unterricht«

    »Eine Stunde mit einem Revierförster im Wald ist effektiver als drei Jahre Biologie-Unterricht, wenn es um das Verstehen von ökologischen Zusammenhängen geht«, möchte man nach dem Gespräch mit Matthias Lüttgau ausrufen. Den Jugendlichen die Natur wieder näher zu bringen, sieht Lüttgau als wichtige Aufgabe. In Hohegeiß gebe es mehrere Landschulheime und man mache auch bei dem Projekt »Erlebnistage Harz« mit. Der Revierförster berichtet von einer Schulklasse aus Brudstadt in Bremen. »Die jungen Menschen waren im Dunkeln noch nie im Wald. Das war für sie ein besonderes Erlebnis, das sie nicht vergessen werden.«

    »Bergwiesen: Das Charakteristische von Hohegeiß im Harz«

    Wie ein roter Faden tauchen die »Bergwiesen« im Gespräch mit Matthias Lüttgau immer wieder auf. »Sie sind das Charakteristische von Hohegeiß«, sagt er und verweist darauf, dass in Richtung Nordhausen alle Wiesen erhalten geblieben sind. Auch in St. Andreasberg und Clausthal-Zellerfeld gebe es viele Wiesen, die naturnah bewirtschaftet werden.

    Da viele Bergwiesen aufgrund ihrer Hanglage nicht befahren und gemäht werden können, werden sie in Hohegeiß – so wie eh und je – mit Kühen und Ziegen abgeweidet. »Im Besonderen Ziegen«, schwärmt Lüttgau, »machen ›reinen Tisch‹.« Auch junge Ahornbäume verschmähten sie nicht. Nur so ließen sich die Wiesen in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten.

    Aber es gibt auch andere Flächen, die zwingend von Kühen abgegrast werden müssen. Lüttgau zeigt auf eine Wiese auf der sechs verschiedene Orchideenarten zuhause sind. »Die Kühe fressen genau die Pflanzenarten heraus, die die Orchideen sonst verdrängen würden«, erläutert er. Insgesamt gebe es auf dieser Fläche 11 bedrohte Pflanzenarten, die auf der roten Liste stehen. Und begeistert fügt er hinzu: »Eine dolle Sache wie die Natur das regelt.«

    »Bergwerks-Pingen als Fledermaus-Quartiere«

    Dass im Wolfsbachtal früher nach Eisenerz gegraben worden ist, davon zeugen einige alte Bergwerks-Pingen – bis zu 20 Meter lange Gänge. Sie sind heute vergittert, weil sie von Fledermäusen als Winterquartiere genutzt werden.

    »Ein Comeback für den Harz«

    »Das geheime Leben der Bäume« schaffte es auf Platz 1 der Bestseller-Listen. Zeitschriften springen auf den Trend auf und bringen lange Geschichten über den »Kraftort Wald«, ja es ist sogar die Rede vom »Wald baden«. Für Matthias Lüttgau ist das alles kein Zufall: »In Zeiten von Digitalisierung und zunehmender Beschleunigung sehnen sich die Menschen nach Stille und Natur, um wieder zur Besinnung und zur Achtsamkeit zu finden. Auch die Jüngeren werden die Liebe zum Wandern und zum Naturerlebnis wieder entdecken. Davon bin ich überzeugt. Der Harz steht vor einem Comeback.«

    Text, Fotos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

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    Wie der Name »Hohegeiß« entstand

    Es gab 1444 noch keinen Ort, als Mönche des 11,5 Kilometer entfernten Klosters Walkenried in der Waldeinsamkeit eine kleine Kirche errichteten und ihr den lateinischen Namen »Alta Capella« (»hohe Kapelle«) gaben. Generationen später wurde daraus »hohe Geiß«. Der Grund: »capella« stand im Lateinischen nicht nur für Kapelle, sondern auch für Geiß, also Ziege. Lateinschüler gaben bei der Übersetzung offensichtlich der Ziege den Vorzug. So prägt das Wappen von Hohegeiß statt der »hohe-geistlichen« Kirche heute der Ziegenbock.

    »Der Nonnenbanksweg«

    Nonnen und Mönche sind damals regelmäßig zur Kapelle hochgepilgert. Auf ihrem Weg standen zwei Bänke. Eine Bank für die Nonnen, die andere für die Mönche. »Sie durften natürlich nicht zusammen auf einer Bank sitzen«, schmunzelt Matthias Lüttgau. »Dass es so war, ich glaub’s nicht.« Den Weg gibt es immer noch. Er wird heute als Nonnenbanksweg bezeichnet.

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  • »Skifahren im Harz – geht das? Und ob!« – Alpen Feeling am Wurmberg

    »Skifahren im Harz – geht das? Und ob!« – Alpen Feeling am Wurmberg

    Skifahren im Harz – ich habe es hautnah erlebt. Das Alpen-Feeling im Harz. Mit der Gondel geht es von Braunlage auf den fast 1000 Meter hohen Wurmberg. Man kommt aus der Bergstation und hat einen wunderbaren Blick auf den gegenüberliegenden Brocken, früher Sehnsuchtsziel vieler Dichter und Denker. Die bizarren, schneebehangenen und vereisten Fichten auf der Wurmberg-Kuppe, die klare Bergluft bei 10 Grad minus, hervorragend präparierte sonnenbeschienene Pisten. »Ski-Fahrer-Herz, was willst Du mehr?«

    Norddeutsche, die nur für ein paar Tage Ski laufen möchten, für die lohnt sich keine lange Anreise in die Alpen. Daher trifft man auf den insgesamt 13 Pistenkilometern des Wurmberges heute nicht nur Wolfenbütteler, Braunschweiger und Quedlinburger aus dem Harzvorland, sondern jede Menge Berliner, Hamburger, ja sogar Leipziger (Anreise: 2 Stunden) kommen nach Braunlage, um Ski-Alpin zu genießen.

    »Der Harz – ein Wintertraum«

    In der ersten Februar-Hälfte war es genauso wie Goethe den Harz erlebt haben muss, ein Wintertraum. »Ich stand in der Mittagsstunde, grenzenlosen Schnee überschauend, …«, schrieb er. Ähnlich erging es mir auf der Kuppe des Wurmberges, die mir viel besser gefällt als das Plateau des Brockens, wo Goethe gestanden hat.

    Skifahren im Harz - Abfahrten am Wurmberg
    Ein Skigebiet von fast alpiner Dimension mit 15 Pisten aller Schwierigkeitsgrade.

    Ich empfinde den Wurmberg, Niedersachsens Höchsten, in seinem oberen Teil viel heimeliger, naturnäher, als sein Pendant. Die Bergstation mit der gegenüberliegenden Almhütte – wirkt nicht überdimensioniert, so dass keine Rummelplatz-Atmosphäre entsteht. Der Hüttenname »Gipfelstürmer« hätte – zugegeben – etwas fantasievoller gewählt werden können.

    Verschneite Fichten in allen Größen, die immer wieder den Blick freigeben auf das miniaturhaft erscheinende Braunlage, bei guter Fernsicht sogar bis nach Braunschweig. »Es ist eigentlich viel zu schön zum Skifahren«, sagt neben mir jemand und zückt sein Handy, um ein Foto zu machen.

    »Eine fast alpine Dimension«

    Völlig überrascht hat mich dann die unerwartet fast alpine Dimension des Skigebiets mit seinen 15 Abfahrten aller Schwierigkeitsgrade. Wie es heißt, ist es das größte und höchste Skigebiet in ganz Norddeutschland und der mit 4,7 Kilometern längsten deutschen Abfahrt nördlich der Alpen. Für Gelegenheits-Skifahrer wie mich, haben im Besonderen die »blauen« großzügig breiten Pisten das ideale Kaliber, um die Geschwindigkeit perfekt zu dosieren und Stürze zu vermeiden. Natürlich gibt es auch höchst anspruchsvolle Strecken wie die Abfahrt »Hexenritt«, die an die mystische Seite des Harzes und seine rätselhafte Sagenwelt erinnert.

    »Warum ist Skifahren so attraktiv?«

    Das Lob der Achtsamkeit, also die volle Konzentration auf eine einzige Sache, ist heute in aller Munde. Beim Skifahren ist Achtsamkeit die Grundvoraussetzung, um nicht auf dem Hosenboden zu landen. Ski- und Snowboard-Fahren erfordern Körperbeherrschung und Spaß an der Bewegung, sind aber gleichzeitig auch Naturerlebnis. Dies alles macht den Sport für viele so attraktiv.

    »Und was ist mit Aprés-Ski?«

    Es ist schon richtig, das Aprés-Ski-Programm könnte in Braunlage üppiger sein. Es ist aber auch richtig, dass viele 30- bis 50-Jährige in den Harz kommen, um den Stress im Beruf für ein paar Tage hinter sich zu lassen, bei klarer Bergluft und viel Bewegung neue Energie zu tanken. Zum Beispiel Stefanie (28) und Sebastian (35) aus Potsdam. Sie fahren morgens Ski und genießen nachmittags das Wellness-Programm des Relaxa-Hotels in Braunlage. »Uns steht der Sinn nicht nach Disko. Aus dem Alter sind wir bereits raus«, sagt das Paar, das zum ersten Mal im Harz ist und fügt hinzu: »Uns gefällt es ausgesprochen gut hier. Wir sind rundum zufrieden.« Der Harz sei ideal für einen spontanen Kurzurlaub.

    Stefanie und Sebastian Pasewaldt aus Potsdam
    Morgens Skifahren, nachmittags Wellness im Braunlager Relaxa-Hotel: Stefanie und Sebastian Pasewaldt aus Potsdam vermissen nichts bei ihrem ersten Urlaub im Harz.

    »Imagetransfer durch Leuchtturm-Projekte«

    Nicht zuletzt durch neue Projekte wie das Ski-Alpin-Zentrum am Wurmberg verliere der Harz das Image des Langweiligen und Spießigen, erfahre ich im Lift von drei auskunftsfreudigen Bad Harzburgern, die über aktuelle Entwicklungen hervorragend informiert sind. Sie verweisen auf weitere Leuchtturm-Projekte wie das Torfhaus-Ressort. Darüber hinaus werde im Juni in Bad Harzburg das sogenannte Ettershaus eröffnet. Ein Nobelhotel auf einem großen Areal mit vielfältigem Angebot wie einem separaten Steakhouse und originellen Baumhäusern für den »Abenteuer-Familienurlaub«.

    »Die Geschichte mit der Sprungschanze«

    In einem meiner Ski-Liftgespräche ging es um die inzwischen abgebaute Sprungschanze des Wurmbergs. Das Gerüst mit dem Podest hat man stehen lassen. Früher befand sich die Aussichtsplattform der Schanze auf exakt 1000 Meter Höhe, während der Wurmberg 971 Meter erreicht.

    Zu DDR-Zeiten sei die Nutzung der Schanze nicht unproblematisch gewesen, erfahre ich. Da sie gefährlich nahe an der damaligen Zonengrenze gelegen habe, musste mit Gummiseilen verhindert werden, dass die Ski-Springer nach dem Aufsetzen auf DDR-Territorium zum Stehen kamen.

    »Geheim-Tipp: Pünktlich an der Gondel sein«

    Die Abfertigung an der Gondel funktioniert perfekt, wenn, ja wenn man nicht Tage erwischt, an denen Menschenmassen auf den Wurmberg drängen. Dann kann es passieren, dass man schon mal zwei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen muss. Um solchen Widrigkeiten aus dem Wege zu gehen, sollte man pünktlich zur Eröffnung der Seilbahn um 8.45 Uhr am Schalter sein. Andererseits: Wartezeiten muss man zuweilen auch in renommierten Skigebieten in den Alpen in Kauf nehmen.

    Blick auf Braunlage
    Im Tal erscheint miniaturhaft Braunlage.

    »Internet-Präsenz verbesserungsbedürftig«

    Bei der Darstellung des Wurmberg-Skigebiets im Internet gibt es nach Meinung zahlreicher, im Besonderen jüngerer Gesprächspartner, noch Luft nach oben. Das Ambiente und die Dimension würden optisch, also was die Bildsprache angeht, kaum deutlich.

    Ski-Begeisterte aus den nahen ostdeutschen Bundesländern kommen in den Winterferien mit ihren Kindern in großer Zahl zum Wurmberg. Eine Woche später dominieren dann dänisch und niederländisch auf den Pisten – weil es dort ebenfalls Winterferien gegeben hat – sehr zur Freude von Hoteliers und Pensionsbesitzern. Braunlage braucht nun mal den Wintertourismus.

    »Suppe bei Puppe«

    Die drei Bad Harzburger haben zum Schluss noch einen besonderen Tipp für mich. Sie hatten eine 4-Stunden-Karte gelöst und sind zur Mittagszeit im Begriff, nach Harzburg zurückzukehren. Vorher wollen sie noch im Feinkostgeschäft Puppe in Braunlage eine der legendären Suppen genießen. »Die müssen Sie unbedingt probieren«, rufen sie mir zu. Von anderen erfahre ich, dass es bei Puppe weithin bekannte Wurstspezialitäten vom Hirsch und vom Wildschwein geben soll.

    »Weitere Liftgespräche«

    1. Klar, ein Skigebiet wie der Wurmberg ist nun mal extrem abhängig von der Schneelage. Und die über 100 Beschneiungsanlagen – gespeist von einem extra auf der Wurmberg-Kuppe angelegten sogenannten Schnei-See – können erst ab minus 4 Grad ihren Dienst aufnehmen. Die gesamte Anlage, in die 2013 rund 12 Millionen Euro investiert wurde, ist im Winter daher stark von den Wetterverhältnissen abhängig. Ab 34 Betriebstagen mit hinreichender Schneelage erreicht der Betrieb die schwarzen Zahlen, weiß ein Liftnachbar zu berichten.
    2. Was im Vergleich zu vielen Skigebieten in den Alpen angenehm auffällt, ist der weitgehende Verzicht auf lautstarke Musikberieselung an den Hütten.
    3. Der Betreiber sorgt immer wieder für neue Attraktionen. So ist in diesem Winter zum ersten Mal das Skifahren bei Flutlicht möglich.
    4. Und was ist aus der Idee einer Ski-Schaukel ins benachbarte Schierke geworden? »Das Projekt ist noch nicht vom Tisch«, erzählt ein anderer Liftbegleiter. Dies bestätigt auch Dirk Nüsse. Der Betreiber der Wurmberg-Seilbahn würde es sehr begrüßen, wenn es eine echte Ski-Schaukel geben würde und nicht nur eine einzelne Abfahrt.

    Der Wurmberg ist mir in diesem Winter ans Herz gewachsen. Die Erinnerungsspeicher sind prall gefüllt. Und ich freue mich bereits darauf, ihn von seiner grünen Frühlingsseite zu entdecken.

    Text, Fotos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    [su_box title=“Kurzportrait »Skifahren am Wurmberg«“ style=“noise“ box_color=“#2d9bdf“]

    • Pisten: 15 mit insgesamt 13 Kilometern
    • Längste Abfahrt: 4,3 Kilometer
    • Rodelbahn: 1 (Länge: 1.600 m)
    • Seilbahnbetrieb: 8.45 bis 16.10 Uhr
    • Tageskarte: 32 Euro (Erwachsene), 16 Euro (Kinder)
    • Besonderheiten: Nacht-Skilauf
    • Internet: www.wurmberg-seilbahn.de

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  • Begegnung in Zorge

    Begegnung in Zorge

    Zorge im Südharz liegt windgeschützt tief in einem engen Tal. Vor einer Tafel mit den vielen Wanderwegen des Ortes komme ich beiläufig mit Annelise Capon ins Gespräch. Die Belgierin ist zum ersten Mal im Harz und begeistert von dem, was sie bisher gesehen hat.

    Von dem zuweilen rauhen Klima des Harzes lässt sich Annelise Capon nicht abhalten. Im Gegenteil: »Auch zwischen 6 und 17 Grad kann man doch ganz gut wandern«, sagt die 48-Jährige, »selbst wenn meine Freunde, die es in die Wärme zieht, das überhaupt nicht verstehen können.«

    »Nichts Vergleichbares in Belgien«

    Capon arbeitet als Expertin für Arbeitssicherheit in Gent. Was reizt jemanden aus einer Traumstadt wie Gent daran, in den Harz zu kommen? »In Gent gibt es nur Häuser, im Harz dagegen Stille, Natur und überall viel Wasser – Bäche, Flüsse, Seen und Talsperren. Das gefällt mir.« Es gebe nichts Vergleichbares in Belgien, nicht mal die Ardennen könnten da heranreichen. Capon’s Einschätzung würde vielleicht erklären, warum es immer mehr Belgier und vor allem Holländer in den Harz zieht.

    Annelise Capon aus Gent ist zum ersten Mal im Harz. In Belgien gebe es kein vergleichbares Mittelgebirge. Sie will unbedingt wiederkommen. Rechts: Am Ortsausgang nach Braunlage sorgt eine Magnolie als Königin der Gehölze für Blütenzauber.

    Annelise Capon, die wegen der Stille in der Natur gern allein unterwegs ist, ist für sechs Tage in den Harz gekommen. Was hat sie schon alles gesehen? Die Teufelsmauer (»wunderbar«), den Oderteich (»sehr schön«). Den Trubel auf dem Torfhaus dagegen brauche sie nicht. »Ich bin nur des Wanderns wegen hier.« Und schon nach zwei Tagen ist sie überzeugt: »Ich komme wieder. Auf jeden Fall!« Sie überlegt sogar, im Harz ein Haus zu kaufen. »Hier ist es im Sommer und im Winter schön.«

    Eine aus Fachwerkhäusern komponierte Kulisse gegenüber der Kirche.

    »Zum Wandern in Zorge: Ein Informatiker tankt auf«

    Pascal Treiber ist mit seinem Sohn Theo bei herrlicher Herbstsonne zum Wandern nach Zorge gekommen. Begeistert berichtet er von der »schön gelegenen Stempelstelle ›Bremer Klippe‹«. Treiber ist in Hamburg als Wirtschaftsinformatiker bei Gruner + Jahr tätig. Jüngere Kollegen von ihm würden regelmäßig zum Wandern oder Biken in den Harz fahren. »Dabei kann man nach einem hektischen Alltag so richtig auftanken«, sagt er.

    Pascal Treiber und sein Sohn Theo auf dem Weg von den »Bremer Klippen« zum »Pferdchen-Pavillion«. Rechts: Blick vom Glockenturm nach Süden.

    Ob Gruner + Jahr den Trend für Freunde des Naturerlebnisses unterstützt? »Aber ja«, schmunzelt Pascal Treiber, »bei uns erscheint regelmäßig die Outdoor-Zeitschrift ›Walden‹«.

    Am Glockenturm hoch über Zorge treffe ich eine junge Kirchenmusikerin aus Goslar, die mir sofort widerspricht, als ich den Versuch mache, dem Misch- und Laubwald des Südharzes den Vorzug vor dem zuweilen dunklen Tannenwald des Nordharzes zu geben. Beides habe seinen Reiz.

    Das Wahrzeichen hoch über Zorge: Der Glockenturm wird überall im 4,5 Kilometer langen Ort gehört. An seinem Glockenschlag orientierten sich früher die Bergleute. Rechts: Blick vom Glockenturm nach Süden.

    »Wanderweg auf dem ehemaligen Todesstreifen«

    Zorge, an dem gleichnamigen Flüsschen gelegen, ist ein langgestrecktes Straßendorf mit knapp 1000 Einwohnern. Auf einem der mindestens acht Wanderwege – die meisten bieten wundervolle Ausblicke – läuft man streckenweise entlang des »Todesstreifens«, der ehemaligen inner-deutschen Grenze, heute ein regelrechtes Biotop, das »Grüne Band«. Zorge ist der südöstlichste Zipfel Niedersachsens und liegt im Drei-Länder-Dreieck, erläutert ein freundlicher Herr in der Touristinformation. Thüringen sei greifbar nahe und Sachsen-Anhalt nur vier Kilometer entfernt.

    Die Straße von Zorge nach Hohegeiß ist – da wenig Autoverkehr – bei Rennrad-Fahrern beliebt, aber durchaus anstrengend, da auf der sieben Kilometer langen Strecke etwa 300 Höhenmeter zu überwinden sind. Mountainbiker benutzen dagegen lieber die vielen abwechslungsreichen Waldwege.

    »Glen Els: Hochgelobter Whisky aus Zorge«

    Wofür ist Zorge neben seiner idealen Lage für Wanderer, Rennrad-Fahrer und Mountainbiker heute noch bekannt? Seit 2005 kommt aus Zorge der Glen Els, der Harzer Single Malt Whisky. Er wird neben Gewürzlikör und Obstbrand in der »Hammerschmiede« am Elsbach destilliert. Die Basis: Harzer Wasser bester Qualität aus der großen Staufenbergquelle im Elsbachtal.

    Das Wachstum der Manufactur und Brennerei, die zehn Mitarbeiter beschäftigt, spricht eine deutliche Sprache. 2017 wurden rund 25.000 Flaschen Glen Els und 50.000 insgesamt abgesetzt. Die Besucher der Hammerschmiede, deren Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, sind im Besonderen beeindruckt vom umfangreichen Lager mit seinen 700 Fässern.

    Die Malt’s aus Zorge erhielten den Ritterschlag von keinem geringeren als Jim Murray, der sie in seiner Whisky-Bible als absolute Spitzenprodukte pries, auch im Vergleich mit schottischen Malt’s.

    »Zorge einst wichtigster Industriestandort des Herzogtums Braunschweig«

    Fast in Vergessenheit geraten ist die erfolgreiche industrielle Vergangenheit von Zorge: Durch den Bergbau und die Eisenhütte entwickelte sich der Ort 1570 zum wichtigsten Industriestandort des ehemaligen Herzogtums Braunschweig. Beide Wirtschaftsbereiche prägten Zorge bis Ende des 19. Jahrhunderts. Wer weiß schon noch, dass die Staatsbahn Braunschweig 1842 in Zorge die ersten beiden in Deutschland von staatlicher Seite in Auftrag gegebenen Dampf-Lokomotiven produzieren ließ. Insgesamt wurden hier sechs hergestellt, später dann kleinere Werkslokomotiven. Die Dampfloks wurden mit Pferden via Torfhaus über den Oberharz geschleppt.

    Text, Fotos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    Wanderung in Bildern:
    Zorge – Pferdchen – Helenruh – Bremer Klippe – Zorge