Wandern

Die schönsten Harzer Hütten (1): Die Baude Großer Knollen

Unsere Serie über die schönsten Harzer Hütten beginnen wir nicht ohne Grund mit der Baude Großer Knollen (687 m) zwischen Herzberg und St. Andreasberg im Südwest-Harz. Urig, gemütlich, mit einem sympathischen Wirt und über eine Vielzahl Wanderwege aus allen Richtungen erreichbar. Das Schönste aber ist die Rundumsicht vom Baudenturm (Video): Der Blick schweift vom Wurmberg über den Brocken bis zur Hanskühnenburg und weit ins südliche Harzvorland. Bei guter Sicht kann man am Horizont den Inselsberg im Thüringer Wald und manche sagen, sogar den Kyffhäuser sehen.

Der Baudenwirt Sven Wode (47) ist selbst ein begeisterter Wanderer. Was könnte das eindrucksvoller unterstreichen als eine Urkunde über den Besuch aller 222 Stempelstellen des Harzes, die er 2017 bekam. So hat der geborene Bad Lauterberger den Harz intensiv kennengelernt und ist dabei auf den Geschmack gekommen. 2019 als die Baude neu verpachtet wurde, griff er zu.

»Champagnerluft«

Als wir am 10. November an einem Wochentag die Baude bei fantastischem Wetter besuchen – Wanderer sprechen an solchen Tagen von einer »Luft wie Champagner« – treffen wir vor allem Stammgäste der Baude aus Herzberg und Bad Lauterberg an. An Wochenenden und in Ferienzeiten gibt es aber nicht selten Tage, an denen der Baudenwirt Mühe hat, den Ansturm zu bewältigen. »Finanziell komme ich gut klar«, sagt Wode, der auf der Suche nach Aushilfskräften für das Wochenende ist.

»Unendliche Auswahl an Wanderwegen«

Um den Großen Knollen herum gibt es eine unerschöpfliche Auswahl an Wanderwegen. Ob aus Sieber, Herzberg, Bad Lauterberg oder St. Andreasberg, aus jeder Himmelsrichtung ist der Große Knollen über unterschiedlich anspruchsvolle und verschieden lange Pfade zu erreichen. Die Knollenbaude hat dadurch sozusagen eine hohe Zentralität.

Großer Knollen Wirt Sven Wode
In Sachen Fitness und Liebe zum Harz steht Sven Wode seinen Gästen in nichts nach. Er hat alle 222 Stempelstellen erwandert.

Beispiel Sieber: Wer hier startet hat mehrere Möglichkeiten. Der kürzeste Weg zum Knollen ist gut vier Kilometer lang mit teilweise serpentinenartigen, beachtlichen Steigungen. Sven Wode empfiehlt darüber hinaus den Weg durchs Gatzmanntal, der auch nicht viel länger ist. Freunde gleichbleibender, angenehmer Steigung, seien dagegen mit der sechs Kilometer langen Forststraße durchs Tiefenbeek besser bedient.

Morsezeichen nach Hannover

Michael Moll berichtet in seinem Buch »Panoramawege Harz« über den Besuch des ersten Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf, Ende der 1950er Jahre. Nachdem der SPD-Politiker eine Erbsensuppe mit Bockwurst bestellt hatte, bat er den Wirt um eine telefonische Verbindung nach Hannover. Knollerich, so wurde der damalige Wirt genannt, ging daraufhin in seine Küche und kam, weil es noch kein Telefon gab, mit einer Taschenlampe zurück. Diese reichte er dem Ministerpräsidenten und schlug ihm vor, auf den Turm zu steigen und Morsezeichen in Richtung Hannover zu senden.

»Geheimtipp für Winterwanderer und (E-)Biker«

Der Lebensweg des Hüttenwirts überrascht. Er war zuvor bei Continental in Northeim im Schichtbetrieb tätig. Die Knollenbaude will er nach Möglichkeit das ganze Jahr von 9.00 bis 17.00 öffnen. Auch immer mehr (E-)Biker nutzen die Forststraßen und Wanderwege. Sven Wode schätzt ihren Anteil auf inzwischen 15 bis 20 Prozent. Viele nutzen den Forstweg durchs Tiefenbeek, der übrigens auch ein Geheimtipp für Winterwanderer ist.

Der Blick vom Turm nach Norden zum 12 Kilometer entfernt gelegenen St. Andreasberg, dahinter rechts der Wurmberg, links der Brocken und dazwischen der Sonnenberg. In südlicher Richtung taucht am Horizont der 100 Kilometer entfernte Inselsberg des Thüringer Waldes auf.

Mountainbiker sollten den großen Rundweg probieren, der von Sieber über den Großen Knollen auf dem Gebirgskamm nach St. Andreasberg führt. Von dort geht es dann »Auf dem Acker« zur Hanskühnenburg und wieder zurück nach Sieber oder Lonau.

»Der schönste Frühstücksplatz von Herzberg und Lauterberg«

Schon 9.30 treffen in der Knollenbaude die ersten Stammgäste ein, um sich den schönsten Frühstücksplatz von Herzberg und Bad Lauterberg zu sichern und den fantastischen Blick mit leichtem Nebel in den Tälern zu genießen. Diese Begeisterung der Gäste hat der Baude im letzten Jahr auch den Besuch des NDR für die Sendung »Mein Lieblingsplatz« eingebracht.

Das eher deftige Speisenangebot scheint sich im Laufe der Jahrzehnte kaum geändert zu haben. Es reicht von der nach wie vor beliebten Erbsensuppe über Mettwurst- und Schinkenbrot bis zum Harzer Roller. Viele Stammgäste melden bereits am Vortag ihre Wünsche telefonisch an.

»Der Berg ruft: 180.000 Wanderpässe in zwei Jahren«

Sven Wode freut sich über die zunehmende Wanderleidenschaft und zeigt auf die Stempelstelle vor seiner Baude. »Nimmt man die Entwicklung bei den Wanderpässen, hat der Harz massiv an Attraktivität gewonnen«, sagt er, »sowohl 2020 als auch in diesem Jahr wurden 90.000 Pässe verkauft. Eine Zahl, die natürlich auch durch Corona nach oben geschnellt ist.« Noch erfreulicher sei es, dass immer mehr Jugendliche unter den Stempeljägern sind. 2014 habe die Zahl der ausgegebenen Wanderpässe noch bei 25.000 gelegen.

Die Gäste der Knollenbaude, so Wode weiter, kommen nicht nur aus dem näheren Umfeld, sondern auch aus Berlin, Bremen und Hamburg. Nach wie vor habe der Harz auch bei Niederländern und Dänen einen guten Klang.

Großer Knollen Stammgäste
Nehmen gern den steilsten Weg: Werner und Marion Brille (oben v.l.). Ist seit 20 Jahren Fan der Knollenbaude: Manfred Solle (oben r.). Der Große Knollen ist eindeutig ihr Geheimtipp: Eberhard Bröder und Burkhard Lätsch (unten v.l.).

Für Eberhard Bröder und Burkhard Lätsch, die in der Baude Stammgäste sind, ist der Große Knollen eindeutig der Geheimtipp. Sie kommen aus Herzberg, gehen aber im gesamten Harz auf Wanderschaft. Die Nachbarbauden Hanskühnenburg »Auf dem Acker« und der Bismarckturm oberhalb von Bad Lauterberg seien ebenfalls zu empfehlen.

Marion und Werner Brille aus Bad Lauterberg sind zweimal in der Woche in der Knollenbaude und treffen sich dabei auch mit anderen Wanderkameraden, um über »Gott und die Welt« zu philosophieren. »Wir nehmen meistens den steilsten Weg, damit wir ein bißchen in Schwung kommen«, erzählen sie. Vor allem in der Urlaubs- und Ferienzeit treffe man auch Gäste aus Berlin und Hamburg. Seit 20 Jahren ist Manfred Solle ein Fan der Knollenbaude, aber auch in den Nachbarbauden ist er gern zu Gast.

Das Knollen-Ensemble

Die heutige Knollenbaude auf dem 687 Meter hohen Gipfel wurde 1961 in Betrieb genommen und ist danach renoviert und weiter ausgebaut worden. Während der steinerne, 20 Meter hohe Turm sehr viel älter ist. Er wurde bereits 1904 eingeweiht. Eigentümerin von Baude und Turm ist die Stadt Herzberg.

»Ein Vulkan im Harz«

Man nannte den Großen Knollen früher manchmal auch den kleinen Brocken, weil er einer der interessantesten Berge des Harzes ist. Bei der Auffaltung des Gebirges drang in den dabei entstehenden Spalten lila-farbiger Porphyr in Form vulkanischer Lava an die Oberfläche. Wie ein Dach bedeckt der Porphyr heute den Knollengipfel. Das Vulkangestein ist am Rande der Forstwege zum Teil noch deutlich zu erkennen.

»Die Fahrt ins Siebertal«

Bei der Anfahrt zum Siebertal vom Torfhaus über den Sonnenberg verschlägt es einem die Sprache: Der Blick ins Tal hinüber zu Wurmberg und Brocken, wohin das Auge reicht, tote Fichten und die bange Frage, wird genug für die Aufforstung getan und wie lange wird die Wiederergrünung des Harzes dauern, 10, 20 oder gar 30 Jahre?

Auch die Stammgäste der Knollenbaude empfinden das Waldsterben als dramatisch. Ob der Borkenkäfer durch die Nationalparkverwaltung und die Revierförstereien hätte aufgehalten werden können, etwa durch Borkenkäferfallen oder andere Maßnahmen, darüber wird leidenschaftlich diskutiert.

Dabei gibt es durchaus auch einzelne Stimmen, die sich über den an vielen Stellen nun möglichen weiten Blick auf die Berge freuen. Andere weisen auf die Wiederaufforstung hin. Um den Wald widerstandsfähiger zu machen, fahre man statt des monotonen Fichtenwaldes nun eine Mehrpflanzenstrategie. In manchen Regionen des Harzes würden fünf, in anderen sogar acht verschiedene Baumarten angepflanzt. Im übrigen sei die Wiederbegrünung auch auf natürlichem Wege im vollen Gange. Wer genau hinschaue, sehe bereits zahlreiche Birken und kleine Fichten.

Texte, Fotos, Videos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

 

Gespräche von weiteren Stammgästen …

… über das Siebertal

Das sehr enge Tal mit seinen steilen Hängen war vor einigen Jahrzehnten im Gespräch für den Bau einer Talsperre direkt hinter dem Ort Sieber. Diese Diskussion sei in den letzten Monaten kurzzeitig wieder aufgeflammt.

Der langgezogene Urlaubsort Sieber hat sich positiv entwickelt. Es gibt keine Immobilien-Leerstände mehr, der neue Wohnmobilstellplatz wird gut angenommen und das sanierte Waldschwimmbad kommt ebenfalls gut an.

… über Herzberg

Die  Entwicklung des Einzelhandels und das Jobangebot für junge Leute sind an einem kritischen Punkt angekommen, sowohl in Herzberg als auch in Osterode. Im Vergleich dazu sei die positive Entwicklung in Bad Lauterberg »ein krasser Unterschied«.

… über den Harz

Der Borkenkäfer wird die Touristen nicht vom Harz fernhalten.

Für die Generation, die ein bißchen Nervenkitzel braucht, ist nun einiges getan worden. Zum Beispiel die Hängebrücke an der Rappbodetalsperre oder die Bobbahn am Bocksberg in Hahnenklee.

… über den Unterschied zum Schwarzwald

Der Schwarzwald ist lieblicher, während der Harz durch seine teilweise gewaltigen Höhenunterschiede ganz schön »brutal« sein kann.

Der Schwarzwald ist gesegnet mit namhaften Städten wie Freiburg und Baden-Baden. Eine Stadt mit der Geschichte Goslars oder Wernigerodes findet man im Schwarzwald aber nicht.