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Gerd Winners dynamischer Blick auf Goslar

Großstädte wie New York, London, Paris und Berlin stehen in seinen Werken eindeutig im Vordergrund. Hier findet Gerd Winner »die Reibung« und die Inspirationen für seine Arbeit. Sein Rückzugsort, wo er an seinen Bildern in Ruhe weiterarbeiten konnte, blieb über vier Jahrzehnte das Barockschloss in Liebenburg, wenige Kilometer von Goslar. Mit der mittelalterlichen Fachwerkstadt hat sich der heute 84-Jährige zwar 40 Jahre lang beschäftigt, eine »bildnerische Umsetzung« gab es mit Ausnahme der industriellen Strukturen des Rammelsberges aber bisher nicht. Dies hat er nun mit 17 Bildern der eindrucksvollen historischen Gebäude Goslars nachgeholt. Sie sollten eigentlich neben 30 seiner Hauptwerke noch bis zum 3. Mai im Goslarer Mönchehaus Museum zu sehen sein, das aber wegen des Corona-Virus vorerst noch geschlossen ist.

Die Teilnehmer einer Pressekonferenz erlebten Anfang Februar im Mönchehaus Museum einen Gerd Winner, der nicht nur über die vielen, akribisch geplanten Arbeitsschritte bis zu einem fertigen Bild berichtete, sondern auch anhand von kleinen Anekdoten Einblicke in seine Schaffenszeit gab.

Drei von insgesamt 17 Goslar-Motiven (v.l.): Mönchehaus Museum, Brusttuch und Marktkirche.

Mit den geschichtsträchtigen Gebäuden Goslars befasst sich Winner bereits seit vier Jahrzehnten. Viele Inspirationen erhielt er dabei von Professor Reinhard Roseneck, der 1988 den Plan verfolgte, den Rammelsberg und die Stadt Goslar ins Weltkulturerbe zu bringen. Aus dieser Zeit gab es erste »fotografische Skizzen« – wie Gerd Winner es nennt – aber noch keine bildnerische Umsetzung.

Gerd Winners typische Bildsprache

Mit 17 und 18 war Gerd Winner zweimal in Paris. »Das war die Initialzündung für meinen Weg in die Kunst«, berichtet er.

Ausgangspunkt und Grundlage seiner Arbeiten ist immer die künstlerische Idee, häufig als Folge von vorangegangenen Projekten. Eigentlich werden diese Ideen mit Zeichnungen der Realität erarbeitet, was aber in den Zentren der Großstädte durch die vielen Passanten nahezu unmöglich ist. So griff Gerd Winner zu einem Hilfsmittel für die Umsetzung seiner im Kopf bereits fertigen Ideen und machte mit einer Kamera Schwarz-Weiß-Aufnahmen als einfache Vorlage für den künstlerischen Arbeitsprozess.

Eiffelturm in Paris von Gerd Winner
Zwei Perspektiven in einem Bild: der Eiffelturm in Paris (2015).

Daneben arbeitete er in einer späteren Arbeitsphase beim Fotografieren auch gern mit Doppelbelichtungen, bei denen sich zwei verschiedene Perspektiven – beispielsweise eines Bauwerks wie dem Eiffelturm – überlagern.

Das eigentliche Ausdrucksmittel von Gerd Winner ist aber die Farbe. Im Atelier werden die reizvollen Besonderheiten der Architektur durch ausgefeilte Farb- und Drucktechniken hervorgehoben. Winner: »Aus fünf bis neun Farben können 30 verschiedene Nuancen entstehen, die durch viele Arbeitsgänge im Siebdruckverfahren und mit Hilfe von Schablonentechniken behutsam aufgetragen werden.«

»Slow« – fast wie eine Metapher auf das Leben

»Slow«, die älteste Arbeit der Ausstellung ist 1970 in London entstanden und gleichsam ein Schlüsselbild für das Werk Gerd Winners. Das Trostlose, ja Bedrohliche, einer Straßenschlucht, die ins Nirgendwo führt, hat Winner durch diffuse, dunkle Farben hervorgehoben. Die Warnung »Slow« – in gelber Schrift auf der Fahrbahn – wirkt dabei fast wie eine Metapher auf das Leben und dessen Entschleunigung. Als Aufforderung zum Innehalten und Nachdenken. Als Ausdruck für Beschränkung und Konzentration. Winner: »Slow ist heute wieder hochaktuell.« So wie Anfang der 1970er Jahre als das Bild in England sehr populär war und sogar in die Schulbücher aufgenommen wurde.

Gerd Winners Bild »Slow« war in England in den 1970er Jahren sehr populär. Rechts: Die Leuchtreklame in Manhattan als schriller Gegensatz.

Im grellen Gegensatz dazu, die überdimensionierte Leuchtreklame in Manhattan, deren Vordergründigkeit und Aufdringlichkeit arbeitete Winner mit einer eigenständigen Formensprache in seinem »Times-Square«-Zyklus von 1987/88 heraus.

»We know you!«, sagte der New Yorker Polizist

»Wie schaffen Sie es, die Gebäude und Plätze ohne Menschen zu fotografieren?«, wird Gerd Winner immer wieder gefragt. Dann verweist er auf ungewöhnliche Arbeitszeiten: »An einem Sonnabend morgen um 6.00 Uhr finden Sie im Juni, wenn es bereits hell genug ist zum Fotografieren, keine Menschen am Times Square.«

An eine Anekdote aus den 1970er Jahren erinnert sich Gerd Winner besonders gern: Diesmal war es am Times Square bereits 0.30 Uhr. Er war fasziniert und geradezu euphorisiert vom Lichtspiel der Camel- und Coca-Cola-Reklame, als neben ihm ein »Riesen-Cop« stand und mit den Worten »I can´t do anything for you anymore« auf die Schulter tippte.
»Entschuldigung?«, antwortete Winner nachdem er zusammengezuckt war. Darauf der Polizist: »Go to your hotel.« Dann versuchte Gerd Winner immer wieder, ihm klarzumachen, dass er ja bereits die ganze Woche hier fotografiert habe. »We know you!«, entgegnete der Polizist zum großen Erstaunen von Winner. Er konnte nicht fassen, dass so etwas in New York aufgrund der Menschenmassen möglich war und fand es sehr sympathisch, dass die Polizisten ihn offensichtlich im Blick behalten hatten. Da sein Hotel mitten im Melting Pot lag, hörte er nachts um 3.00 Uhr tatsächlich mehrmals Schüsse und verstand die Sorge des Polizisten.

»Wunderbare Rolleiflex«

Gerd Winner, der von 1975 bis 2002 in München als Professor den Lehrstuhl für Malerei und Graphik an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste innehatte, arbeitet nicht nur auf Leinwand, sondern mit vielen anderen Materialien wie Aluminium, Holz, Stahl und Edelstahl.
Für die Schwarz-Weiß-Aufnahmen als Grundlage seiner Werke nutzte Winner die »wunderbare« Braunschweiger Kamera Rolleiflex. Und wie fotografiert er heute? »Leider digital!«

Von der Nachkriegszeit geprägt

Visuell sehr geprägt hat den 1936 geborenen Winner die Nachkriegszeit. Seine Geburtsstadt Braunschweig – ebenfalls eine Fachwerkstadt wie Goslar – lag in Trümmern.

Gerd Winner sieht Goslar als eine Art Rückblende auf seine Heimatstadt Braunschweig.

Auch Berlin, wo er 1956 als 19-Jähriger sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste aufnahm, war vom Straßenkampf des Zweiten Weltkriegs noch schwer gezeichnet. Winner: »Am Kuhdamm gab es nur im Erdgeschoss noch Geschäfte und die Menschen am Lauendorfplatz, auf meinem Weg zur Akademie, lebten im Keller. Noch stärker war Ostberlin betroffen.«

Bis zum Bau der Mauer 1961 habe es zwischen dem Osten und dem Westen Berlins einen regen kulturellen Austausch gegeben, der im Besonderen die Kunstszene sehr geprägt habe. »Inszenierungen Bertold Brechts im Schiffbauerdamm-Theater waren wichtige Impulse, genauso wie das Pergamonmuseum und die anderen großen Museen sowie die Oper.«

Wie es zum Standort Liebenburg kam

Es klinge in der heutigen Zeit etwas merkwürdig, so Gerd Winner, aber die Entscheidung für Liebenburg sei eine Folge des Kalten Krieges. Er habe zwar auch in London gearbeitet, aber sein künstlerischer Schwerpunkt sei damals Berlin gewesen. »Das heißt, alle Arbeiten, die ich für Ausstellungen und Kunden in der Bundesrepublik vorbereitet habe, wurden mit dem Käfer mittels ausgebautem Beifahrersitz in den Westen transportiert.«

Dies sorgte bei den Grenzkontrollen für einen Disput mit den Volkspolizisten. Sie gingen natürlich davon aus, dass die Arbeiten auch verkäuflich waren und zwangen Gerd Winner, künftig mit Warenbegleitschein zu fahren. Die Folge: Er musste sich nun in die Abfertigungsspur für Lkw´s einreihen, wo man mit stunden- manchmal tagelangen Wartezeiten rechnen musste.

Auf der Suche nach einer Dependance im Westen betrieb Winner zunächst Atelierräume an wechselnden Standorten in Braunschweig, bis ihn der Hahndorfer Unternehmer und Kunstsammler Heinrich Feldhege auf das Barockschloss an der Stelle der ehemaligen Liebenburg aufmerksam machte, das – wie Winner rückblickend sagte – in einem furchtbaren Zustand war. Nach umfangreichen Bauarbeiten zog er 1972 ein.

Wenn Gerd Winner mit Skizzenbuch und Kamera von morgens bis abends 12 Tage in Tokio oder 10 Tage in New York unterwegs war und die überwältigenden Eindrücke aufgesogen hatte, musste er anschließend zum »recovern« aufs Land nach Liebenburg oder zu Freunden. Dank seines exzellenten Formen- und Farbgedächtnisses war die Arbeit in seinem Kopf bereits fertig.

Winner, der um seine Kunst kein geheimnis-umwittertes Aufheben macht, beendete die Pressekonferenz in seiner offenen und gleichzeitig zurückhaltenden Art mit den Worten: »So jetzt wisst Ihr Bescheid und könnt alles selber machen.«

Text, Bilder, Videos und Gestaltung: Michael Hotop und Jochen Hotop

»Was fasziniert Sie an den Bildern von Gerd Winner ganz besonders?«, fragen wir Dr. Bettina Ruhrberg, Direktorin des Mönchehaus Museums Goslar.