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  • Die schönsten Harzer Hütten (1): Die Baude Großer Knollen

    Die schönsten Harzer Hütten (1): Die Baude Großer Knollen

    Unsere Serie über die schönsten Harzer Hütten beginnen wir nicht ohne Grund mit der Baude Großer Knollen (687 m) zwischen Herzberg und St. Andreasberg im Südwest-Harz. Urig, gemütlich, mit einem sympathischen Wirt und über eine Vielzahl Wanderwege aus allen Richtungen erreichbar. Das Schönste aber ist die Rundumsicht vom Baudenturm (Video): Der Blick schweift vom Wurmberg über den Brocken bis zur Hanskühnenburg und weit ins südliche Harzvorland. Bei guter Sicht kann man am Horizont den Inselsberg im Thüringer Wald und manche sagen, sogar den Kyffhäuser sehen.

    Der Baudenwirt Sven Wode (47) ist selbst ein begeisterter Wanderer. Was könnte das eindrucksvoller unterstreichen als eine Urkunde über den Besuch aller 222 Stempelstellen des Harzes, die er 2017 bekam. So hat der geborene Bad Lauterberger den Harz intensiv kennengelernt und ist dabei auf den Geschmack gekommen. 2019 als die Baude neu verpachtet wurde, griff er zu.

    »Champagnerluft«

    Als wir am 10. November an einem Wochentag die Baude bei fantastischem Wetter besuchen – Wanderer sprechen an solchen Tagen von einer »Luft wie Champagner« – treffen wir vor allem Stammgäste der Baude aus Herzberg und Bad Lauterberg an. An Wochenenden und in Ferienzeiten gibt es aber nicht selten Tage, an denen der Baudenwirt Mühe hat, den Ansturm zu bewältigen. »Finanziell komme ich gut klar«, sagt Wode, der auf der Suche nach Aushilfskräften für das Wochenende ist.

    »Unendliche Auswahl an Wanderwegen«

    Um den Großen Knollen herum gibt es eine unerschöpfliche Auswahl an Wanderwegen. Ob aus Sieber, Herzberg, Bad Lauterberg oder St. Andreasberg, aus jeder Himmelsrichtung ist der Große Knollen über unterschiedlich anspruchsvolle und verschieden lange Pfade zu erreichen. Die Knollenbaude hat dadurch sozusagen eine hohe Zentralität.

    Großer Knollen Wirt Sven Wöde
    In Sachen Fitness und Liebe zum Harz steht Sven Wode seinen Gästen in nichts nach. Er hat alle 222 Stempelstellen erwandert.

    Beispiel Sieber: Wer hier startet hat mehrere Möglichkeiten. Der kürzeste Weg zum Knollen ist gut vier Kilometer lang mit teilweise serpentinenartigen, beachtlichen Steigungen. Sven Wode empfiehlt darüber hinaus den Weg durchs Gatzmanntal, der auch nicht viel länger ist. Freunde gleichbleibender, angenehmer Steigung, seien dagegen mit der sechs Kilometer langen Forststraße durchs Tiefenbeek besser bedient.

    [su_box title=“Morsezeichen nach Hannover“ box_color=“#c83737″ title_color=“#ffffff“ class=“infobox–redBorder“]

    Michael Moll berichtet in seinem Buch »Panoramawege Harz« über den Besuch des ersten Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf, Ende der 1950er Jahre. Nachdem der SPD-Politiker eine Erbsensuppe mit Bockwurst bestellt hatte, bat er den Wirt um eine telefonische Verbindung nach Hannover. Knollerich, so wurde der damalige Wirt genannt, ging daraufhin in seine Küche und kam, weil es noch kein Telefon gab, mit einer Taschenlampe zurück. Diese reichte er dem Ministerpräsidenten und schlug ihm vor, auf den Turm zu steigen und Morsezeichen in Richtung Hannover zu senden.

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    »Geheimtipp für Winterwanderer und (E-)Biker«

    Der Lebensweg des Hüttenwirts überrascht. Er war zuvor bei Continental in Northeim im Schichtbetrieb tätig. Die Knollenbaude will er nach Möglichkeit das ganze Jahr von 9.00 bis 17.00 öffnen. Auch immer mehr (E-)Biker nutzen die Forststraßen und Wanderwege. Sven Wode schätzt ihren Anteil auf inzwischen 15 bis 20 Prozent. Viele nehmen den Forstweg durchs Tiefenbeek, der übrigens auch ein Geheimtipp für Winterwanderer ist.

    Mountainbiker sollten den großen Rundweg probieren, der von Sieber über den Großen Knollen auf dem Gebirgskamm nach St. Andreasberg führt. Von dort geht es dann »Auf dem Acker« zur Hanskühnenburg und wieder zurück nach Sieber oder Lonau.

    »Der schönste Frühstücksplatz von Herzberg und Lauterberg«

    Schon 9.30 treffen in der Knollenbaude die ersten Stammgäste ein, um sich den schönsten Frühstücksplatz von Herzberg und Bad Lauterberg zu sichern und den fantastischen Blick mit leichtem Nebel in den Tälern zu genießen. Diese Begeisterung der Gäste hat der Baude im letzten Jahr auch den Besuch des NDR für die Sendung »Mein Lieblingsplatz« eingebracht.

    Das eher deftige Speisenangebot scheint sich im Laufe der Jahrzehnte kaum geändert zu haben. Es reicht von der nach wie vor beliebten Erbsensuppe über Mettwurst- und Schinkenbrot bis zum Harzer Roller. Viele Stammgäste melden bereits am Vortag ihre Wünsche telefonisch an.

    »Der Berg ruft: 180.000 Wanderpässe in zwei Jahren«

    Sven Wode freut sich über die zunehmende Wanderleidenschaft und zeigt auf die Stempelstelle vor seiner Baude. »Nimmt man die Entwicklung bei den Wanderpässen, hat der Harz massiv an Attraktivität gewonnen«, sagt er, »sowohl 2020 als auch in diesem Jahr wurden 90.000 Pässe verkauft. Eine Zahl, die natürlich auch durch Corona nach oben geschnellt ist.« Noch erfreulicher sei es, dass immer mehr Jugendliche unter den Stempeljägern sind. 2014 habe die Zahl der ausgegebenen Wanderpässe noch bei 25.000 gelegen.

    Die Gäste der Knollenbaude, so Wode weiter, kommen nicht nur aus dem näheren Umfeld, sondern auch aus Berlin, Bremen und Hamburg. Nach wie vor habe der Harz auch bei Niederländern und Dänen einen guten Klang.

    Für Eberhard Bröder und Burkhard Lätsch, die in der Baude Stammgäste sind, ist der Große Knollen eindeutig der Geheimtipp. Sie kommen aus Herzberg, gehen aber im gesamten Harz auf Wanderschaft. Die Nachbarbauden Hanskühnenburg »Auf dem Acker« und der Bismarckturm oberhalb von Bad Lauterberg seien ebenfalls zu empfehlen.

    Marion und Werner Brille aus Bad Lauterberg sind zweimal in der Woche in der Knollenbaude und treffen sich dabei auch mit anderen Wanderkameraden, um über »Gott und die Welt« zu philosophieren. »Wir nehmen meistens den steilsten Weg, damit wir ein bißchen in Schwung kommen«, erzählen sie. Vor allem in der Urlaubs- und Ferienzeit treffe man auch Gäste aus Berlin und Hamburg. Seit 20 Jahren ist Manfred Solle ein Fan der Knollenbaude, aber auch in den Nachbarbauden ist er gern zu Gast.

    [su_box title=“Das Knollen-Ensemble“ box_color=“#c83737″ title_color=“#ffffff“ class=“infobox–redBorder“]

    Die heutige Knollenbaude auf dem 687 Meter hohen Gipfel wurde 1961 in Betrieb genommen und ist danach renoviert und weiter ausgebaut worden. Während der steinerne, 20 Meter hohe Turm sehr viel älter ist. Er wurde bereits 1904 eingeweiht. Eigentümerin von Baude und Turm ist die Stadt Herzberg.

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    »Ein Vulkan im Harz«

    Man nannte den Großen Knollen früher manchmal auch den kleinen Brocken, weil er einer der interessantesten Berge des Harzes ist. Bei der Auffaltung des Gebirges drang in den dabei entstehenden Spalten lila-farbiger Porphyr in Form vulkanischer Lava an die Oberfläche. Wie ein Dach bedeckt der Porphyr heute den Knollengipfel. Das Vulkangestein ist am Rande der Forstwege zum Teil noch deutlich zu erkennen.

    »Die Fahrt ins Siebertal«

    Bei der Anfahrt zum Siebertal vom Torfhaus über den Sonnenberg verschlägt es einem die Sprache: Der Blick ins Tal hinüber zu Wurmberg und Brocken, wohin das Auge reicht, tote Fichten und die bange Frage, wird genug für die Aufforstung getan und wie lange wird die Wiederergrünung des Harzes dauern, 10, 20 oder gar 30 Jahre?

    Auch die Stammgäste der Knollenbaude empfinden das Waldsterben als dramatisch. Ob der Borkenkäfer durch die Nationalparkverwaltung und die Revierförstereien hätte aufgehalten werden können, etwa durch Borkenkäferfallen oder andere Maßnahmen, darüber wird leidenschaftlich diskutiert.

    Dabei gibt es durchaus auch einzelne Stimmen, die sich über den an vielen Stellen nun möglichen weiten Blick auf die Berge freuen. Andere weisen auf die Wiederaufforstung hin. Um den Wald widerstandsfähiger zu machen, fahre man statt des monotonen Fichtenwaldes nun eine Mehrpflanzenstrategie. In manchen Regionen des Harzes würden fünf, in anderen sogar acht verschiedene Baumarten angepflanzt. Im übrigen sei die Wiederbegrünung auch auf natürlichem Wege im vollen Gange. Wer genau hinschaue, sehe bereits zahlreiche Birken und kleine Fichten.

    Texte, Fotos, Videos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    Gespräche von weiteren Stammgästen …

    … über das Siebertal

    Das sehr enge Tal mit seinen steilen Hängen war vor einigen Jahrzehnten im Gespräch für den Bau einer Talsperre direkt hinter dem Ort Sieber. Diese Diskussion sei in den letzten Monaten kurzzeitig wieder aufgeflammt.

    Der langgezogene Urlaubsort Sieber hat sich positiv entwickelt. Es gibt keine Immobilien-Leerstände mehr, der neue Wohnmobilstellplatz wird gut angenommen und das sanierte Waldschwimmbad kommt ebenfalls gut an.

    … über Herzberg

    Die  Entwicklung des Einzelhandels und das Jobangebot für junge Leute sind an einem kritischen Punkt angekommen, sowohl in Herzberg als auch in Osterode. Im Vergleich dazu sei die positive Entwicklung in Bad Lauterberg »ein krasser Unterschied«.

    … über den Harz

    Der Borkenkäfer wird die Touristen nicht vom Harz fernhalten.

    Für die Generation, die ein bißchen Nervenkitzel braucht, ist nun einiges getan worden. Zum Beispiel die Hängebrücke an der Rappbodetalsperre oder die Bobbahn am Bocksberg in Hahnenklee.

    … über den Unterschied zum Schwarzwald

    Der Schwarzwald ist lieblicher, während der Harz durch seine teilweise gewaltigen Höhenunterschiede ganz schön »brutal« sein kann.

    Der Schwarzwald ist gesegnet mit namhaften Städten wie Freiburg und Baden-Baden. Eine Stadt mit der Geschichte Goslars, Quedlinburgs oder Wernigerodes findet man im Schwarzwald aber nicht.

  • Hat der Harz eine Zukunft? Wir fragen Hotelier Thomas Rust aus Hohegeiß

    Hat der Harz eine Zukunft? Wir fragen Hotelier Thomas Rust aus Hohegeiß

    Er ist Hotelier in Hohegeiß im Südharz und Betreiber von drei Liftanlagen sowie verschiedenen Loipen für den Wintersport. Sein Blick richtet sich nicht nur auf seine eigenen Betriebe, sondern auch auf die Weiterentwicklung von Hohegeiß und den Harz insgesamt. Was er anfasst, kennt er aus dem Eff-Eff. Er hat in 30 Jahren immer schwarze Zahlen geschrieben und sprüht vor Ideen. Wir sprachen mit ihm über die Folgen von Corona, die Anziehungskraft des Harzes, die Macht der Hotelportale und das Baumsterben.

    [su_box title=“Thomas Rust“ box_color=“#c83737″ title_color=“#ffffff“ class=“infobox–redBorder infobox–floatRight“]

    Betreibt das Viersterne-Hotel Rust in Hohegeiß im Südharz seit über 30 Jahren. Er hat Ausbildungen in allen Bereichen des Hotelbetriebs gemacht, als Kellner (heute Restaurant-Fachmann), in der Küche und im Kaufmännischen. Um einen Geschäftsführer einzustellen sei ein Hotel mit 58 Betten zu klein, sagt er und fügt gleich hinzu: »Vielleicht ist es gerade das, was so einen Betrieb auszeichnet, was ihn stark macht, wirtschaftlich, personell und persönlich.«

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    Herr Rust, der Harz ist in den letzten Monaten bei vielen wieder stärker ins Bewußtsein geraten und die düsteren Wolken aufgrund von Corona scheinen sich langsam aufzulösen. Nur ein Drittel der Deutschen plant normalerweise den Haupturlaub im eigenen Land. Viele Veranstalter rechnen damit, dass es dieses Jahr doppelt so viele werden könnten. Ist der Harz dem Ansturm gewachsen?

    Das Comeback des Harzes wird es auf jeden Fall geben. Ich denke, heftiger als wir alle vermuten. Wir freuen uns darauf und sind darauf vorbereitet.

    Natürlich gibt es noch erhebliche Unwägbarkeiten, aber die Situation wird für Hotels und Restaurants von Woche zu Woche besser. Wir merken das schon an steil-steigenden Reservierungen. »Können wir kommen, Herr Rust? Haben wir ein Zimmer?« Diese Anfragen, ob per Telefon oder Email, kommen permanent.

    Und, dass nach einer aktuellen Studie 45 Prozent der 18- bis 25-Jährigen öfter wandern, ist auch eine sehr gute Nachricht für den Harz. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass viele Harzurlauber auch aufgeschlossen für Veränderungen sind. Als unser Restaurant geschlossen war, haben wir unseren Gästen einen Picknickkorb für zwei Personen zusammengestellt , mit allem, was dazugehört. Das wurde überraschend häufig in Anspruch genommen.

    Ihre Mitarbeiter haben Sie teilweise mit dem Bau eines Hüttendorfes für die Außengastronomie beschäftigt. Was planen Sie genau?

    Wir erwarten, dass die Außengastronomie in den nächsten Monaten einen starken Aufschwung erlebt. Also bauen wir viele kleine »Hüttchen« für zwei Personen, die sich dann je nach Bedarf zu einem Hüttendorf zusammenstellen lassen.

    Was haben Sie an finanziellen Ausgleichshilfen in der Coronazeit erhalten?

    Da wir im November des Vorjahres das Hotel umgebaut haben und im Dezember Betriebsferien hatten, waren die Ausgleichszahlungen – 75 Prozent des Umsatzes in diesen beiden Monaten – kaum der Rede wert.

    Wieviel Prozent der Hotels und Restaurants im Harz werden nach Ihrer Vermutung aufgrund von Corona aufgeben müssen?

    Natürlich wird jeder versuchen, wieder zu öffnen. Aber viele Betriebe haben Anträge auf Stundung von Forderungen gestellt, bei den Banken, beim Finanzamt, bei der Kommune. Was passiert, wenn diese Forderungen dann in einem halben Jahr fällig gestellt werden, kann Ihnen niemand sagen. Ich kann nur das Beste hoffen, auch für eine weitere gedeihliche Entwicklung im Harz.

    Sie sind dafür bekannt, dass Sie sich mit Ihren Ideen und Ihren Netzwerken intensiv für Hohegeiß einsetzen. Über welche aktuelle Entwicklung freuen Sie sich ganz besonders?

    In den letzten vier Jahren hat sich viel getan in Hohegeiß. Es wurde wieder investiert, was jahrelang gar nicht der Fall war. Allein im letzten halben Jahr haben vier Hotels den Besitzer gewechselt und es sind Gaststätten und neue Geschäfte in Räumlichkeiten eröffnet worden, die lange leer standen. Sehr viele Leute, auch jüngere, aus den Ballungszentren haben hier etwas erworben, so dass der Immobilienmarkt zur Zeit komplett leergefegt ist.

    Wer durch den Oberharz fährt, dem verschlägt es die Sprache. Statt des herrlichen Fichtenhochwaldes, zum Beispiel am Oderteich, sieht man kilometerweit abgestorbene Bäume. Wie reagieren Ihre Gäste darauf?

    Jeder zweite Gast, der hier bei uns an der Rezeption steht, fragt mich »Herr Rust, was ist da passiert?« Hier bei uns in Hohegeiß werden kranke Bäume abgeholzt, im Nationalpark lässt man sie stehen. Ich schlage den Gästen vor, zum Torfhaus zu fahren und mit den Rangern eine Begehung im Nationalpark zu machen. Ob sie das Problem dann verstanden haben, ist eine ganz andere Frage. Aber das Baumsterben ist ja nichts harz-typisches, sondern ein deutschland-weites Problem in den Mittelgebirgen.

    Im Südharz haben wir einen sehr großen Bestand an Buchen, die anscheinend mit trockeneren Jahren besser zurecht kommen. Auch im Ostharz gibt es viele Laubbäume.

    Wandern ist nach einer neuen Studie für viele eine Mischung aus Fitness, Entspannung, Naturerleben und Geselligkeit. Würden Ihre Gäste das bestätigen?

    Das bringt die Sache genau auf den Punkt. 40 Millionen Deutsche wandern. Wir haben diese Zielgruppe nie aus den Augen verloren. Das Wandergebiet von Hohegeiß ist im Grunde ein Verbundsystem. Wenn ich hier losgehe, könnte ich durch den ganzen Harz wandern. Alles ist ausgeschildert, verzweigt, vernetzt.

    Wo kommen Ihre Gäste zum überwiegenden Teil her?

    Grob gesagt aus einem Umkreis von 300 Kilometern, also zum Beispiel aus Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig bis zur Weißwurstgrenze.

    Als Hotelbetreiber erreichen Sie über Internetportale Urlauber auf der ganzen Welt. Welche Erfahrungen haben Sie mit der großen Reichweite und den damit verbundenen Konditionen der Internetkonzerne gemacht? Geht es überhaupt noch ohne die Portale?

    Nein, ohne die Portale wie zum Beispiel Booking.com, HRS oder Expedia geht es heute nicht mehr. Die Größe eines Hotels ist dann entscheidend, wieviele Zimmer zur Verfügung gestellt werden können und ob man bereit ist, entsprechende Provisionszahlungen zu leisten.

    »Ohne die Hotelportale geht es nicht«

    Für ein Hotel in unserer Größenordnung mit 58 Betten ist es wichtig, überhaupt vertreten zu sein, so dass man auf den Portalen gefunden wird. Oftmals kann bei uns aber nur ein einziges Zimmer gebucht werden. Der Gast, der nun ein zweites benötigt, etwa für die Kinder, ruft dann direkt bei uns an.

    Mit wieviel Hotelportalen arbeiten sie zusammen?

    Wir sind so ziemlich in jedem Portal vertreten, aber immer nur mit einem oder zwei Zimmern, da wir sehr viele Stammgäste haben, die wir auf keinen Fall vernachlässigen wollen. Das Kontingent, das ich den Portalen zur Verfügung gestellt habe, war eigentlich vor Corona ständig ausgebucht. Als Hotelier muss man ja immer auch die wirtschaftliche Seite und damit die Auslastung im Auge behalten und bemüht sein, auch neue Gäste zu bekommen. Deshalb ist es wichtig, auf den Portalen präsent zu sein.

    Was stellen die Hotelportale für ihre Dienstleistung in Rechnung?

    Ich zahle bei Booking.com eine Standardprovision von 12 Prozent. Bei anderen Portalen sind es 10 Prozent plus Mehrwertsteuer, was ungefähr auf das Gleiche herauskommt. Wenn man bereit ist, mehr Provision zu zahlen, steigt man im Ranking natürlich immer weiter nach oben und steht dann auf Platz 1, 2 oder 3. Ich bin mit der Standardprovision aber immer gut gefahren.

    Darüber hinaus arbeite ich mit einem Reiseunternehmen zusammen. Das funktioniert nicht auf Provisionsbasis, sondern ich gehe mit dem Zimmerpreis etwas runter, brauche mich dafür aber um nichts zu kümmern.

    Welche Rolle spielen bei den Hotelportalen gute Fotos?

    Eine überragende Rolle. Einen guten Fotografen zu suchen, lohnt sich. Die Luftaufnahme habe ich noch vom Hubschrauber aus gemacht. Das geht aber heute mit Hilfe einer Drohne viel einfacher.

    Vor Corona hatten Sie eine hervorragende Zimmerauslastung. Wieviele Ihrer Gäste kamen über Ihre Internetseite oder meldeten sich als Stammgast bei Ihnen?

    Etwa zwei Drittel! Ein Drittel kommt über andere Vertriebswege wie die Hotelportale oder Reiseunternehmen mit denen wir zusammenarbeiten.

    Welche Erfahrungen haben Sie mit den regionalen Portalen wie dem Online-Buchungskanal des Harzer Tourismusverbandes oder der Internetseite harz.de gemacht?

    Auf diesen Portalen bin ich heute nicht mehr vertreten, weil es nicht der klassische Vertriebsweg ist, wo der Gast nach einem Urlaubsquartier sucht. Entweder er stößt direkt auf die Internetseite unseres Hotels, wobei das Ranking bei Google eine wichtige Rolle spielt, oder er landet auf einem der Hotelportale.

    Ein anderes Thema sind die Bewertungsportale. Wie ernst nehmen Sie die dort geäußerte Kritik?

    Wir nutzen verschiedene Wege, um unsere Gäste zu animieren, ihre Kritik unmittelbar zu äußern, damit wir Mängel sofort abstellen können. Aus Gesprächen mit anderen Hoteliers weiß ich aber, dass dort manchmal einfach irgendetwas ohne Hand und Fuß hineingeschrieben wird. Das trägt nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Portale bei.

    »Aufenthaltsdauer steigt«

    Wie hat sich bei Ihnen die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste entwickelt?

    Während sie früher immer weiter auf etwas über drei Nächte zurückgegangen ist, liegen wir erfreulicherweise inzwischen wieder bei fast fünf Nächten.

    Der Wintersport ist in Hohegeiß ein wesentliches Standbein des Tourismus. Wenn man die  teuren Pistenraupen sieht, ahnt man, dass bei Ihnen auch eine Menge Idealismus mitschwingt.

    Das ist natürlich ein reines Zuschussgeschäft, aber letztlich profitiert der ganze Ort von unseren Liftanlagen und Langlaufloipen. Wenn wir im Winter einen Nachtabfahrtslauf mit einer sehr großen Flutlichtanlage anbieten, kommen die Leute sogar aus Halle, um hier für zwei Stunden Ski zu laufen. Durch die neue Autobahn über Nordhausen sind sie ja in einer Stunde bei uns.

    »Wintersport wichtiges Standbein«

    Auch den Langläufern haben wir etwas zu bieten. So gibt es hier im Ort zwei größere Rundloipen, von denen eine beleuchtet ist. Sehr beliebt ist auch unser Rodellift. Überhaupt ist Rodeln ein Thema was noch ausbaufähig wäre.

    Einige Harzer Hotels sind bereits bei Instagram vertreten. Ist das auch für Sie ein Thema?

    Ja, diese Entwicklung wird sicher weitergehen. Aber es ist eben auch sehr zeitaufwändig, wenn man auf gute Bilder und informative, nicht nur belanglose Texte wert legt. Bei mir gibt es zwei junge Leute, die sehr bewandert sind mit den Sozialen Medien. Die werden diese Aufgabe sicher gern übernehmen.

    Ihre Stieftochter schließt in diesem Jahr ihre Ausbildung als Hotelkauffrau ab. Wird sie danach direkt in Ihren Betrieb einsteigen? Raten Sie ihr überhaupt, in der Hotellerie zu bleiben?

    Vor Corona hätte ich gesagt »ja«. Allerdings gehört zu den Schattenseiten unserer Branche ein heftiger Preiskampf nach dem Motto »immer billiger, bei immer mehr Komfort«. Hinzu kommt in der Gastronomie das Personalproblem. Manche Betriebe müssen schließen, weil sie kein Personal bzw. Fachpersonal bekommen. Man ist daher gut beraten, eigenen Nachwuchs heranzuziehen.

    Ich empfehle ihr, erst einmal über den Tellerrand zu schauen und Erfahrungen in anderen Hotels zu sammeln.

    Ein Problem vieler Hotels mit Restaurantbetrieb haben Sie elegant gelöst.

    Viele Leute haben eine seltsame Schwellenangst, in das Restaurant eines Hotels zu gehen. Wir haben also umgebaut und nennen es jetzt Hüttencafe. Seitdem funktioniert es. Gäste einer Ferienwohnung oder vom Campingplatz kommen nun zu uns zum Frühstück oder zum Mittag- und Abendessen. Wir haben von morgens ab 8 durchgehend Küche.

    »Viele regionale Produkte«

    Sie haben sich vor einigen Jahren entschieden, konsequent auf regionale Produkte umzustellen. Geht das?

    Nicht bei allen Produkten, das funktioniert nicht, aber doch bei sehr vielen. Mineralwasser kommt aus Bad Harzburg, das Bier aus Altenau, die Spirituosen von der Whiskydestillerie aus Zorge, Wurst, Käse, Fleisch, Forellen und Wildprodukte von einem bäuerlichen Familienbetrieb in Walkenried, der in Hohegeiß auch die Bergwiesen pflegt.

    Von welchen touristischen Angeboten fühlen sich Ihre Gäste besonders angesprochen?

    Da sind natürlich die High Lights wie Brockenbahn, Harzquerbahn, Hängeseilbrücke, Teufelsmauer, Baumwipfelpfad usw. In einem Umkreis von 30 bis 40 Kilometern liegen die berühmten Fachwerkstädte Goslar, Quedlinburg, Stolberg und Wernigerode. Wir haben die bekannten Stollen und Höhlen sowie die zahlreichen Stauseen. Es gibt so viele teils spektakuläre Freizeitmöglichkeiten wie in keinem anderen Mittelgebirge. Übrigens: Unser täglich erscheinender Newsletter hat in jeder Ausgabe auch einen Ausflugstipp. Der letzte empfahl zum Beispiel einen Besuch des Luftfahrt Museums Wernigerode.

    »Zahlreiche heimische Orchideenarten«

    Gibt es in Hohegeiß neben den vielfältigen Wander- und Mountainbike-Möglichkeiten sowie dem herrlich gelegenen Freibad noch Überraschungen, die im Reiseführer nur selten zu finden sind?

    Ja, zum Beispiel die Bergwiesen mit ihrer Vielfalt an Naturpflanzen. Wo sonst im Harz wachsen schon so viele heimische Orchideenarten. Mit einem Bergwiesenportal wollen wir darauf hinweisen. Es ist sozusagen ein Pfad durch die Bergwiesen, bei dem Experten erklären, welche seltenen Pflanzen und Kräuter bei uns heimisch sind.

    Das sogenannte Dreiländereck, bei dem die Landesgrenzen von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammentreffen, ist nur wenige Kilometer vom niedersächsischen Hohegeiß entfernt. Macht sich das für den Ort eher positiv oder eher negativ bemerkbar?

    Natürlich begrüßen wir es, wenn auf der Ebene der Bundesländer gute Entscheidungen für den Harz getroffen werden, aber wenn vier verschiedene Landkreise auf engem Raum zuständig sind, kommt es naturgemäß zu länderübergreifenden Problemen. Das fängt bei den Busfahrplänen an und hört bei den unterschiedlichen Fördermitteln auf.

    Auf der Ebene der Kommunen allerdings funktionieren die Kontakte: Benneckenstein liegt in Sachsen-Anhalt, Rothesütte als nördlichster Ort Thüringens gehört zur Stadt Ellrich und Hohegeiß zu Braunlage. Vor Corona hat es regelmäßig Stammtische der drei Orte gegeben und man hat sich bei Veranstaltungen gegenseitig unterstützt. Das länderübergreifende Spuren der Langlaufloipen funktioniert zum Beispiel auf dem kleinen Dienstweg.

    [su_box title=“Ansturm auf einen Rückzugsort im Grünen“ box_color=“#c83737″ title_color=“#ffffff“ class=“infobox–redBorder“]

    »Seit der Corona-Krise verzeichnen wir einen wirklichen Ansturm auf Ferienhäuser«, zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrer Ausgabe 19/21 einen Vertreter des Unternehmens Ostharz Immobilien. Die Preise seien im Ostharz im Schnitt um 25 bis 30 Prozent gestiegen. Hätten die Käufer vor ein paar Jahren für ein Wochenendhäuschen rund 50.000 Euro bezahlt, lägen sie inzwischen bei 70.000 bis 100.000 Euro.

    Der Verkauf eines Objekts habe vor fünf Jahren manchmal sechs Monate gedauert, heute lägen nach drei Tagen zuweilen bereits 40 Anfragen vor. Einen Rückzugsort im Grünen suchten nicht nur Käufer aus einem Umkreis von 200 Kilometern, sondern auch Leute aus der Nähe. Der Harz habe sein altbackenes Image mittlerweile abgestreift. Im westlichen Teil des Mittelgebirges seien noch Schnäppchen möglich.

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    Text, Bilder und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

  • Torfhaus ohne Menschentrauben

    Torfhaus ohne Menschentrauben

    Hotspot im Harz, Hochburg des Harztourismus, Superrummelplatz – der Höhenluft- und Wintersportort Torfhaus kann sich an schönen Wochenenden des Ansturms normalerweise kaum erwehren. Wir nutzten die Einschränkungen durch Corona, um Fotos ohne Menschentrauben zu machen.

    8 Grad am Torfhaus. Sonne mit klarem Blick auf den Brocken. Drei Biker, die gerade aus Berlin eingetroffen sind, machen Dehnübungen. Die Lederkombi schützt offensichtlich nur bedingt vor der Kälte. Einen heißen Kaffee bekommen sie nur an einem Kiosk. Alle anderen Betriebe sind geschlossen.

    Was macht Torfhaus so attraktiv?

    Wer den Ort Torfhaus von früher kennt, wundert sich nicht, dass er in den letzten 15 Jahren zu einem solchen Anziehungspunkt geworden ist.

    1. Das Panorama

    Torfhaus gehört zur Bergstadt Altenau und ist mit 811 Metern einer der höchsten Harzgipfel. Von hier aus genießt man bei klarer Sicht zu jeder Jahreszeit ein eindrucksvolles Panorama, da der Brocken nur rund fünf Kilometer Luftlinie entfernt ist.

    Die Teilung Deutschlands war bis zur Grenzöffnung am 3. November 1989 gerade hier hautnah zu spüren. Der Brocken, Norddeutschlands höchster Berg, wurde 1961 Grenzgebiet  und militärisches Sperrgebiet. DDR-Truppen, die Sowjetarmee und ein Betonklotz mit Kuppeldach als Horchposten bestimmten das Bild auf der Brockenkuppe.

    2. Berühmt durch Goethe

    Von Torfhaus führen verschiedene Routen zum Brocken, darunter auch der beliebte, acht Kilometer lange Goetheweg. Deutschlands bekanntester Dichter machte den Brocken, auch Blocksberg genannt, als Hexenberg weltberühmt, indem er die Erfahrungen seiner Harzreisen im »Faust I« in der Walpurgisnachtszene verarbeitete. So erhob er den Brocken zum Sehnsuchtsziel für Romantiker.

    Von Torfhaus aus hat Goethe den 1141 Meter hohen Brocken dreimal bestiegen. Zudem war er der erste, der den Aufstieg im Winter wagte. Nach erheblichen Strapazen im tiefen Schnee und bei Nebel fasste er – oben angekommen – sein Glücksgefühl in Worte: »Ich hab´s nicht geglaubt bis zur obersten Klippe. Alle Nebel lagen unten, und oben war herrliche Klarheit.«

    3. Vierzig Kilometer Loipen

    Neben einem Rodel- und einem Skilift werden im Winter bei ausreichend Schnee 40 Kilometer Langlaufloipen gespurt. Dafür nehmen Skifahrer sogar Tagestouren von Hannover, Celle und sogar Hamburg in Kauf.

    Nirgends im Harz gibt es  aufgrund der Höhenlage ein so dichtes Loipennetz wie zwischen Torfhaus, Braunlage und Schierke. Orientierungspunkte wie Dreieckiger Pfahl, Hopfensäcke und Quitschenberg sind vielen Langläufern und natürlich Wanderern ein Begriff.

    [su_box title=“Ein Ort, der »Torfhaus« heißt“ box_color=“#c83737″ title_color=“#ffffff“ class=“infobox–floatRight infobox–redBorder“]

    Die Torfgewinnung in den umliegenden Hochmooren stand Pate bei der Namensgebung. Sie wurde im 18. Jahrhundert aufgenommen, weil das Holz im Harz durch den Bergbau knapp geworden war und der Torf als Ersatzbrennstoff dienen sollte: Es entstand ein Haus für die Torfstecher. Alsbald stellte sich aber heraus, dass die abgestochenen Soden einfach nicht trockneten, so dass der Abbau unrentabel war und 1786 eingestellt werden musste. Das 30 Hektar große, 10 000 Jahre alte Naturreservoir Torfhausmoor mit seinen seltenen Pflanzen blieb so erhalten. Auch Goethe erlebte den Torfabbau noch.

    Während am Torfhaus heute der Brockentourismus tobt, war es zu Zeiten Goethes nichts als ein einsamer Flecken in der Wildnis.

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    4. Das Nationalpark-Besucherzentrum

    Hier werden den Besuchern viele Nationalpark-Themen näher gebracht: Über die verschiedenen Lebensräume im Harz informiert im Erdgeschoss ein interaktives dreidimensionales Landschaftsmodell und die Entstehungsgeschichte der Moore wird im Obergeschoss erlebbar gemacht, zum Beispiel indem mit moderner Technik die verschiedenen Phasen der Siedlungsgeschichte verdeutlicht werden.

    5. Rangelei um die Bavaria Alm

    Um die 2006 eingeweihte Bavaria Alm hat es im Vorfeld ein ziemliches Gerangel in den Medien gegeben. Viele Harzer fanden, dass der Name und das Gebäude im alpenländischen Stil nicht zu einem so exponierten Ort im Harz passt. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass Torfhaus vor den umfangreichen Investitionen ein eher trostloser Ort mit ein paar heruntergekommenen Häusern war, geprägt von einer aus der Zeit gefallenen Gastronomie, zu der eher das Prädikat »ungastlich« passte.

    Inzwischen kommt die Bavaria Alm mit ihrem alpenländischen Charme, der bayrisch-österreichischen Küche und den moderaten Preisen bei den Touristen so gut an, dass es an manchen Tagen ohne Reservierung schwer ist, einen der vielen Innen- und Außenplätze zu ergattern.

    6. Das Harzresort

    Es ist eine kleine Siedlung für sich, die 2013 eröffnet wurde, mit schindelverkleideten Ferienhäusern im Hüttenstil sowie einem Hotel. Zu den Annehmlichkeiten der Häuser gehören unter anderen Kamin und Sauna.

    7. Biker flanieren gern

    Der Großparkplatz von Torfhaus ist ein beliebter Treff für Biker. An manchen Tagen reihen sich unzählige Motorräder aneinander. Warum ist Torfhaus so attraktiv für Biker? Die Bundesstraße 4 von Bad Harzburg nach Torfhaus mit ihren Kurven und zum Teil deutlichen Steigungen ist es wohl eher nicht. Durch zunehmende Unfälle gibt es inzwischen so viele Tempolimits und Kontrollen, dass Biker sich auf das Fahrerlebnis kaum noch konzentrieren können. Die B4 ist sozusagen zu einer »Hochsicherheitsstraße« geworden.

    Aber was ist es dann? Das Panorama? Das Fachsimpeln? Die Gastronomie? Wer Bikern genau zuhört, erfährt noch etwas anderes. Motorrad-Fans lieben es nämlich, an den Bikes entlang zu flanieren und sich an den oft »aufgemotzten« Exemplaren zu erfreuen.

    Und dann ist da noch …

    Wer aus südlicher Richtung nach Torfhaus fährt und früher den wunderschönen Fichtenhochwald bewundert hat, sieht heute weite Flächen abgestorbener Bäume. Ob durch Klimawandel oder andere Ursachen, der Oberharz hat sein Gesicht in geradezu verstörender Weise verändert. Was ist nur aus dem von Wäldern früher so zauberhaft umrahmten Oderteich geworden? Manche Förster empfehlen, statt mit anpassungsfähigeren Bäumen schnellstmöglich wieder aufzuforsten, die abgestorbenen Bereiche sich selbst zu überlassen. Da fällt einem Goethe und sein Faust wieder ein: »Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! Du magst mich führen.«

    Auf dem Weg zum Torfhaus …

    … von Bad Harzburg taucht nach wenigen Autominuten rechter Hand die Waldgaststätte Marienteichbaude auf, wo zu normalen Zeiten Wildgerichte und andere Harzer Spezialitäten genossen werden können. Weiter in Richtung Torfhaus fällt der Blick des aufmerksamen Autofahrers für einen kurzen Moment auf Rotes Höhenvieh vor der Kulisse des Brockens.

    Text, Bilder und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

  • Die Kirche der Wikinger im Harz

    Die Kirche der Wikinger im Harz

    Sie ist immer noch beliebt als »Hochzeitskirche« für nah und fern. Wer einmal dort war, kann das gut verstehen. Die norwegische Stabkirche in Hahnenklee im Harz ist komplett aus Holz mit vielen wundersamen, zum Teil heidnischen Verzierungen. Wie alle 30 in Norwegen noch erhaltenen Stabkirchen, erinnert auch sie an die Bauweise der Wikingerschiffe.

    Stabkirchen wurden in Skandinavien vor allem im 12. und 13. Jahrhundert in der Übergangszeit von der heidnischen Religion zum Christentum errichtet. Beim Bau der Hahnenkleer Stabkirche ist weder ein Nagel, noch eine Schraube verwendet worden. Mit etwas Fantasie kann man sich das Kirchenschiff als umgedrehtes Wikingerboot vorstellen.

    »Böse Geister und Zeichen für die Ewigkeit«

    Die deutlich sichtbaren Drachenköpfe an den Giebeln, sollten böse Geister fernhalten, während die Midgardschlangen am Dachfirst als Zeichen für die Ewigkeit fungierten. Und auch der Innenraum der Kirche ist nicht nur durch seine Schnitzereien etwas ganz Besonderes. So erinnert ein ungewöhnlicher Kronleuchter an ein Steuerrad und die Fenster über der Empore sehen aus wie Bullaugen. Eine Kostbarkeit ist auch der Glockenturm. Hier sorgen 49 Bronzeglocken mit einem Gesamtgewicht von 2,5 Tonnen für ein außergewöhnliches Glockenspiel.

    Ein Musterbeispiel mittelalterlicher Holzbaukunst. Foto: Heinz-Helmut Heidenbluth.

    »Größer als andere Stabkirchen«

    Die Stabkirche in Hahnenklee ist mit seinen 350 Sitzplätzen größer als viele der 30 in Norwegen noch erhaltenen Exemplare. In manchen Reiseführern wird von Deutschlands einziger Stabkirche gesprochen, was nicht ganz korrekt ist. Eine deutlich kleinere Stabkirche gab es noch in Albrechtshaus im Harzer Selketal. Sie wurde sorgfältig abgebaut und soll bis 2024 im wenige Kilometer entfernten Stiege neu errichtet werden.

    »Was Hahnenklee sonst noch zu bieten hat«

    Hahnenklee hat ein sogenanntes Reizklima, dass der Gesundheit zuträglich sein soll. Der Kurort und seine zahlreichen Hotels leben heute vom Fremdenverkehr. Zu den weiteren Attraktionen neben der Stabkirche gehören der 7 Kilometer lange Liebesbankweg und der 726 Meter hohe Bocksberg mit seiner Kabinenseilbahn und seinen Ski- und Bobabfahrten. Darüber hinaus gilt Hahnenklee als Radler- und Mountainbike-Paradies. Musik-begeisterte Touristen können dem Grab des Komponisten Paul Lincke (»Berliner Luft«), der hier seinen Lebensabend verbrachte, einen Besuch abstatten.

    Text und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    [su_box title=“Wie es zum Bau der Stabkirche kam“ box_color=“#c83737″ title_color=“#ffffff“ class=“infobox–redBorder“]

    Bei einer Studienreise nach Skandinavien war der Architekt und kirchliche Baumeister Karl Mohrmann von den Stabkirchen so entzückt, dass er 1907 in Hahnenklee nach dem Vorbild der norwegischen Kirche von Borgund ebenfalls eine Stabkirche errichten ließ, die allerdings deutlich größer ist als ihr Pendant in Norwegen. Holz für den Bau stiftete der begeisterte Norwegen-Fahrer Kaiser Wilhelm II.

    Eingeweiht wurde die Gustav-Adolph Stabkirche, benannt nach dem schwedischen König, nach 10-monatiger Bauzeit 1908. Vor wenigen Jahren ist sie aufwendig restauriert worden. Sie gilt als eines der interessantesten Bauwerke Niedersachsens.

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    Nach dem Vorbild der Stabkirche im norwegischen Borgund aus Harzer Fichtenholz gebaut und außen wie innen mit vielen Schnitzereien geschmückt: Die Stabkirche in Hahnenklee. Fotos: Heinz-Helmut Heidenbluth.
  • 40mal Harz: Bergbauden, Hütten und Waldgaststätten

    40mal Harz: Bergbauden, Hütten und Waldgaststätten

    Wie sieht eine erfolgreiche Zukunftsstrategie für den Harz mit seinen 40 Bergbauden, Hütten und Waldgaststätten aus? Keine Frage, es hat sich viel getan im Harz. Das zeigen die seit sechs Jahren steigenden Touristenzahlen. Das spüren die EinheimischenAber es gibt durchaus noch Möglichkeiten für den Harz, sein Profil und sein Image weiter zu schärfen, sagt Matilde Sophie Groß, Professorin an der Hochschule Harz und Expertin für Touristische Marktforschung. Sie sprach am 24. Februar vor dem Harz Forum Zukunft im Ettershaus in Bad Harzburg.

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    Matilde S. Groß ist Professorin an der Hochschule Harz in Wernigerode, wo sie Touristische Marktforschung, Management von Freizeiteinrichtungen (nebst Gastronomie) sowie Gesundheitstourismus lehrt.

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    Matilde S. Groß zeigte sich gleich zu Beginn zuversichtlich für den Harz. Neue Trends wie das »Waldbaden« oder die aufgrund des Klimawandels möglicherweise zunehmende Flugscham, spielten dem Harz in die Karten. Aber sie ist als Wissenschaftlerin und Marktforscherin auch gewohnt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Am Beispiel von Hütten und Waldgaststätten des Harzes zeigte sie Wege auf.

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    Der Motor des Harztourismus

    Was ist eigentlich der Motor des Harztourismus? »Es sind im Wesentlichen sieben Bausteine«, betonte Groß. Der wichtigste Punkt für den Urlaubsgenuss sei der Wohnkomfort. Jeder Urlauber stelle sich zunächst die Frage: Wo möchte ich gern wohnen

    An zweiter Stelle der Rangliste folgt bereits »Essen und Trinken«, für manche sogar der schönste Grund, eine Reise zu machen. Dazu gehöre nicht nur das Speisen im Restaurant, sondern auch die Erlebnisgastronomie sowie Abendveranstaltungen mit Kabarett und Artistik bis hin zu den immer beliebter werdenden Betriebsbesichtigungen. Darüber hinaus fielen in diese Kategorie auch alle Genussmärkte sowie Bauern– und Weihnachtsmärkte. Groß: »Wir haben sogar eine Whisky-Messe im Harz.«

    Zu den weiteren Bausteinen gehöre das Thema »Service«, nicht nur in der Gastronomie und bei den Tourist-Informationen, sondern auch bei allen Freizeitanbietern. An vierter Stelle stehe die Infrastruktur mit ihren Kultur- und Freizeitmöglichkeiten. Darüber hinaus spielten der Ortscharakter, die Landschaft sowie das Thema Verkehr eine wichtige Rolle.

    Blick über den Tellerrand

    Als Ansatzpunkte, die Hüttenwirtschaft zunehmend im Bewusstsein der Gäste zu verankern, sollte, so Matilde Groß, »die eine oder andere Hütte noch mehr in Servicequalität und -kultur investieren.« Außerdem sei es ratsam, auch mal über den Tellerrand zu schauen und von den Erfahrungen beispielsweise im Pfälzer Wald oder im Schwarzwald zu lernen.

    So stehe im Pfälzer Wald hinter 100 Gasthäusern ein ehrenamtlich geführter Verein, der etwa die Hälfte der Häuser sogar selbst bewirtschaftet. »Allerdings«, fügt Groß gleich hinzu, » gibt es hier eine gewachsene sehr, sehr lange Tradition.«

    Hackus & Knieste und Runx Munx

    Hütten-Marketing lasse sich im Übrigen auch mit regionalen Spezialitäten machen. So stehe im ganzen Land Brandenburg mit dem »Brandenburg Teller« ein typisches Gericht auf der Karte. Auch im Harz sei in dieser Richtung vieles möglich, so Matilde Groß. Sie verwies auf längst vergessene Gerichte wie Hackus Knieste und Runx Munx.

    Ein weiteres Beispiel sind nach ihren Worten Maßnahmen, die den Individualtourismus anregen und den Gast dazu bewegen, von einer Stelle zur nächsten zu fahren oder zu wandern und in der einen oder anderen Hütte einzukehren. »Da sind wir mit der Harzer Wandernadel und Fernwanderwegen wie dem Hexenstieg und dem Baudensteig schon auf einem guten Weg.«

    Die Architektur der Gaststätten sei durchaus unterschiedlich. Neben überwiegend aus Holz gebauten Hütten wie der »Steinberg Alm« oberhalb von Goslar und dem »Rinderstall« bei St. Andreasberg gebe es auch durchaus »luxuriöse Gebäude« wie die »Steinerne Renne« iOstharz.

    Groß berichtete, dass es inzwischen Häuser gebe, die von jungen Teams betrieben würdendarunter einige junge Menschen aus den Großstädten, die sich in der Natur neu entfalten und entwickeln wollten.

    »Slow Food« und »Typisch Harz«

    Bereits seit Jahren gebe es im Harz ermutigende Signale was den Zukunftstrend der Nachhaltigkeit angehe, sowohl bei Erzeugern als auch bei Restaurants. Matilde Groß hob dabei im Besonderen die »Slow Food«-Bewegung und das Label »Typisch Harz« hervor.

    Bei »Slow Food« ständen ökologisch verantwortliche Lebensmittel, bio-kulturelle Vielfalt und vor allem das Tierwohl im Vordergrund. Als Beispiel nannte Groß das Rote Harzer Höhenvieh, das vom Aussterben bedroht war und nun wieder auf einigen Bergwiesen zuhause ist. Die Slow Food-Bewegung werde inzwischen von neun Gastronomiebetrieben vertreten, darunter »Das Rodelhaus« an der Mittelstation des Wurmberges.

    Für regionale Erzeugnisse stehe die Produktmarke »Typisch Harz«. Dazu gehörten nicht nur qualitativ hochwertige Fleisch und Fischangebote, sondern zum Beispiel neben Bier, Obst- und Kräuterlikören auch Brotaufstriche und Backwaren.

    Mehr Übersicht bitte!

    Was aus der Sicht eines Harz-Gastes wirklich irritiert: Um sich einen Überblick über alle Hütten und Waldgaststätten im Harz zu verschaffenmusste Matilde Groß an drei verschiedenen Stellen im Internet recherchieren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber das soll sich nun ändern: Der Harzer Tourismusverband stellt auf seiner für den Sommer geplanten neuen Webseite einen kompletten Überblick in Aussicht.

    Selbst mancher, der aus Goslar zum Harz Forum gekommen war, zeigte sich überrascht von der unerwartet großen Zahl an Hütten und Waldgaststätten.

    Text, Bilder, Videos und Gestaltung: Michael Hotop und Jochen Hotop

    Was haben Sie von der Veranstaltung »Hüttenkultur – eine Chance für den Harz« mitgenommen?

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    Matilde Groß, Professorin an der Hochschule Harz, mit einem Fazit der Veranstaltung.

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    Martin K. Burghartz (bita communications gbr) ist Veranstalter der Gesprächsrunde »Harz Forum Zukunft«.

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    Ralf-Peter Jordan war früher Strafrichter am Amtsgericht Goslar und arbeitet heute als Rechtsanwalt. Er ist Stadtrat von Goslar und wirkte an mehreren Folgen als RTL-Fernsehrichter mit.

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    Anja Mertelsmann ist Geschäftsführerin des Allgemeinen Arbeitgeberverbandes Harz in Goslar.

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    Sabine Sternberg betreibt als geschäftsf. Gesellschafterin die Jenko Sternberg Design GmbH in Apelnstedt im Landkreis Wolfenbüttel.

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    Claus-Eberhard Roschanski ist Mitglied im Goslarer Stadtrat.

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    Judith Bothe ist Inhaberin des Rodelhauses Braunlage an der Mittelstation des Wurmberges.

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    Cosima Hettinger ist Geschäftsführerin des »Atelier Cosi Alea« in Braunschweig.

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    Ein Bericht aus dem Braunschweiger Magazin »Stadtglanz«

  • Gerd Winners dynamischer Blick auf Goslar

    Gerd Winners dynamischer Blick auf Goslar

    Großstädte wie New York, London, Paris und Berlin stehen in seinen Werken eindeutig im Vordergrund. Hier findet Gerd Winner »die Reibung« und die Inspirationen für seine Arbeit. Sein Rückzugsort, wo er an seinen Bildern in Ruhe weiterarbeiten konnte, blieb über vier Jahrzehnte das Barockschloss in Liebenburg, wenige Kilometer von Goslar. Mit der mittelalterlichen Fachwerkstadt hat sich der heute 84-Jährige zwar 40 Jahre lang beschäftigt, eine »bildnerische Umsetzung« gab es mit Ausnahme der industriellen Strukturen des Rammelsberges aber bisher nicht. Dies hat er nun mit 17 Bildern der eindrucksvollen historischen Gebäude Goslars nachgeholt. Sie sollten eigentlich neben 30 seiner Hauptwerke noch bis zum 3. Mai im Goslarer Mönchehaus Museum zu sehen sein, das aber wegen des Corona-Virus vorerst noch geschlossen ist.

    Die Teilnehmer einer Pressekonferenz erlebten Anfang Februar im Mönchehaus Museum einen Gerd Winner, der nicht nur über die vielen, akribisch geplanten Arbeitsschritte bis zu einem fertigen Bild berichtete, sondern auch anhand von kleinen Anekdoten Einblicke in seine Schaffenszeit gab.

    Mit den geschichtsträchtigen Gebäuden Goslars befasst sich Winner bereits seit vier Jahrzehnten. Viele Inspirationen erhielt er dabei von Professor Reinhard Roseneck, der 1988 den Plan verfolgte, den Rammelsberg und die Stadt Goslar ins Weltkulturerbe zu bringen. Aus dieser Zeit gab es erste »fotografische Skizzen« – wie Gerd Winner es nennt – aber noch keine bildnerische Umsetzung.

    Gerd Winners typische Bildsprache

    Mit 17 und 18 war Gerd Winner zweimal in Paris. »Das war die Initialzündung für meinen Weg in die Kunst«, berichtet er.

    Ausgangspunkt und Grundlage seiner Arbeiten ist immer die künstlerische Idee, häufig als Folge von vorangegangenen Projekten. Eigentlich werden diese Ideen mit Zeichnungen der Realität erarbeitet, was aber in den Zentren der Großstädte durch die vielen Passanten nahezu unmöglich ist. So griff Gerd Winner zu einem Hilfsmittel für die Umsetzung seiner im Kopf bereits fertigen Ideen und machte mit einer Kamera Schwarz-Weiß-Aufnahmen als einfache Vorlage für den künstlerischen Arbeitsprozess.

    Zwei Perspektiven in einem Bild: der Eiffelturm in Paris (2015).

    Daneben arbeitete er in einer späteren Arbeitsphase beim Fotografieren auch gern mit Doppelbelichtungen, bei denen sich zwei verschiedene Perspektiven – beispielsweise eines Bauwerks wie dem Eiffelturm – überlagern.

    Das eigentliche Ausdrucksmittel von Gerd Winner ist aber die Farbe. Im Atelier werden die reizvollen Besonderheiten der Architektur durch ausgefeilte Farb- und Drucktechniken hervorgehoben. Winner: »Aus fünf bis neun Farben können 30 verschiedene Nuancen entstehen, die durch viele Arbeitsgänge im Siebdruckverfahren und mit Hilfe von Schablonentechniken behutsam aufgetragen werden.«

    »Slow« – fast wie eine Metapher auf das Leben

    »Slow«, die älteste Arbeit der Ausstellung ist 1970 in London entstanden und gleichsam ein Schlüsselbild für das Werk Gerd Winners. Das Trostlose, ja Bedrohliche, einer Straßenschlucht, die ins Nirgendwo führt, hat Winner durch diffuse, dunkle Farben hervorgehoben. Die Warnung »Slow« – in gelber Schrift auf der Fahrbahn – wirkt dabei fast wie eine Metapher auf das Leben und dessen Entschleunigung. Als Aufforderung zum Innehalten und Nachdenken. Als Ausdruck für Beschränkung und Konzentration. Winner: »Slow ist heute wieder hochaktuell.« So wie Anfang der 1970er Jahre als das Bild in England sehr populär war und sogar in die Schulbücher aufgenommen wurde.

    Im grellen Gegensatz dazu, die überdimensionierte Leuchtreklame in Manhattan, deren Vordergründigkeit und Aufdringlichkeit arbeitete Winner mit einer eigenständigen Formensprache in seinem »Times-Square«-Zyklus von 1987/88 heraus.

    »We know you!«, sagte der New Yorker Polizist

    »Wie schaffen Sie es, die Gebäude und Plätze ohne Menschen zu fotografieren?«, wird Gerd Winner immer wieder gefragt. Dann verweist er auf ungewöhnliche Arbeitszeiten: »An einem Sonnabend morgen um 6.00 Uhr finden Sie im Juni, wenn es bereits hell genug ist zum Fotografieren, keine Menschen am Times Square.«

    An eine Anekdote aus den 1970er Jahren erinnert sich Gerd Winner besonders gern: Diesmal war es am Times Square bereits 0.30 Uhr. Er war fasziniert und geradezu euphorisiert vom Lichtspiel der Camel- und Coca-Cola-Reklame, als neben ihm ein »Riesen-Cop« stand und mit den Worten »I can´t do anything for you anymore« auf die Schulter tippte.
    »Entschuldigung?«, antwortete Winner nachdem er zusammengezuckt war. Darauf der Polizist: »Go to your hotel.« Dann versuchte Gerd Winner immer wieder, ihm klarzumachen, dass er ja bereits die ganze Woche hier fotografiert habe. »We know you!«, entgegnete der Polizist zum großen Erstaunen von Winner. Er konnte nicht fassen, dass so etwas in New York aufgrund der Menschenmassen möglich war und fand es sehr sympathisch, dass die Polizisten ihn offensichtlich im Blick behalten hatten. Da sein Hotel mitten im Melting Pot lag, hörte er nachts um 3.00 Uhr tatsächlich mehrmals Schüsse und verstand die Sorge des Polizisten.

    »Wunderbare Rolleiflex«

    Gerd Winner, der von 1975 bis 2002 in München als Professor den Lehrstuhl für Malerei und Graphik an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste innehatte, arbeitet nicht nur auf Leinwand, sondern mit vielen anderen Materialien wie Aluminium, Holz, Stahl und Edelstahl.
    Für die Schwarz-Weiß-Aufnahmen als Grundlage seiner Werke nutzte Winner die »wunderbare« Braunschweiger Kamera Rolleiflex. Und wie fotografiert er heute? »Leider digital!«

    Von der Nachkriegszeit geprägt

    Visuell sehr geprägt hat den 1936 geborenen Winner die Nachkriegszeit. Seine Geburtsstadt Braunschweig – ebenfalls eine Fachwerkstadt wie Goslar – lag in Trümmern.

    Gerd Winner sieht Goslar als eine Art Rückblende auf seine Heimatstadt Braunschweig.

    Auch Berlin, wo er 1956 als 19-Jähriger sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste aufnahm, war vom Straßenkampf des Zweiten Weltkriegs noch schwer gezeichnet. Winner: »Am Kuhdamm gab es nur im Erdgeschoss noch Geschäfte und die Menschen am Lauendorfplatz, auf meinem Weg zur Akademie, lebten im Keller. Noch stärker war Ostberlin betroffen.«

    Bis zum Bau der Mauer 1961 habe es zwischen dem Osten und dem Westen Berlins einen regen kulturellen Austausch gegeben, der im Besonderen die Kunstszene sehr geprägt habe. »Inszenierungen Bertold Brechts im Schiffbauerdamm-Theater waren wichtige Impulse, genauso wie das Pergamonmuseum und die anderen großen Museen sowie die Oper.«

    Wie es zum Standort Liebenburg kam

    Es klinge in der heutigen Zeit etwas merkwürdig, so Gerd Winner, aber die Entscheidung für Liebenburg sei eine Folge des Kalten Krieges. Er habe zwar auch in London gearbeitet, aber sein künstlerischer Schwerpunkt sei damals Berlin gewesen. »Das heißt, alle Arbeiten, die ich für Ausstellungen und Kunden in der Bundesrepublik vorbereitet habe, wurden mit dem Käfer mittels ausgebautem Beifahrersitz in den Westen transportiert.«

    Dies sorgte bei den Grenzkontrollen für einen Disput mit den Volkspolizisten. Sie gingen natürlich davon aus, dass die Arbeiten auch verkäuflich waren und zwangen Gerd Winner, künftig mit Warenbegleitschein zu fahren. Die Folge: Er musste sich nun in die Abfertigungsspur für Lkw´s einreihen, wo man mit stunden- manchmal tagelangen Wartezeiten rechnen musste.

    Auf der Suche nach einer Dependance im Westen betrieb Winner zunächst Atelierräume an wechselnden Standorten in Braunschweig, bis ihn der Hahndorfer Unternehmer und Kunstsammler Heinrich Feldhege auf das Barockschloss an der Stelle der ehemaligen Liebenburg aufmerksam machte, das – wie Winner rückblickend sagte – in einem furchtbaren Zustand war. Nach umfangreichen Bauarbeiten zog er 1972 ein.

    Wenn Gerd Winner mit Skizzenbuch und Kamera von morgens bis abends 12 Tage in Tokio oder 10 Tage in New York unterwegs war und die überwältigenden Eindrücke aufgesogen hatte, musste er anschließend zum »recovern« aufs Land nach Liebenburg oder zu Freunden. Dank seines exzellenten Formen- und Farbgedächtnisses war die Arbeit in seinem Kopf bereits fertig.

    Winner, der um seine Kunst kein geheimnis-umwittertes Aufheben macht, beendete die Pressekonferenz in seiner offenen und gleichzeitig zurückhaltenden Art mit den Worten: »So jetzt wisst Ihr Bescheid und könnt alles selber machen.«

    Text, Bilder, Videos und Gestaltung: Michael Hotop und Jochen Hotop

    »Was fasziniert Sie an den Bildern von Gerd Winner ganz besonders?«, fragen wir Dr. Bettina Ruhrberg, Direktorin des Mönchehaus Museums Goslar.

  • Trügerische Verlockungen

    Trügerische Verlockungen

    Für Kurzentschlossene: Noch bis zum 26. Januar 2020 ist in Goslarer Mönchehaus-Museum eine ungewöhnliche Ausstellung der US-Amerikanerin Barbara Kruger zu sehen, der »Meisterin der Textnachricht«, die es versteht, ihre Botschaften zur Lage des menschlichen Egos irritierend simple und deshalb treffend auf den Punkt zu bringen, wie es der Spiegel formuliert. »Ich kaufe, also bin ich (I shop therefore I am)«, aus 1984 ist eine ihrer bekanntesten Arbeiten.

    Barbara Kruger ist die Kaiserringträgerin 2019. »Ihre Arbeiten decken die trügerischen Verlockungen der Massenmedien und er Werbeindustrie auf«, heißt es in der Begründung der Jury, »ihre Bild- und Text-Botschaften, die sie nicht nur in Museen, sondern auch auf Hauswänden, Bussen und Reklametafeln präsentiert, nutzen die bildnerischen und psychologischen Strategien der Werbung. Die Künstlerin übernimmt deren Gestaltungsmittel und verführerische Wortwahl, um sie zu unterwandern und zu entlarven.« Ihr Thema seien die komplexen Zusammenhänge zwischen Macht und Gesellschaft. »Ich will, dass meine arbeiten einen visuellen Beitrag zu den Diskussionen liefern, die bestimmen, wie wir leben«, sagt Barbara Kruger.

    Bevor sie ihr Weg in die Kunst führte, war die ausgebildete Grafikerin als Bildredakteurin für die Modezeitschrift »Mademoiselle«, den »Esquire« und das Magazin »House and Garden« tätig.

    Der diesjährige Preisträger steht bereits fest: Am 26. September wird der international bekannte Konzeptkünstler Hans Haacke den Kaiserring entgegennehmen. Haacke wurde kürzlich vom Kunstmagazin »Monopol« zur einflussreichsten Persönlichkeit der Kunstwelt 2019 gekürt.

    Text, Bilder und Gestaltung: Michael und Jochen Hotop

     

  • Der Harz: ein starkes Pilzgebirge

    Der Harz: ein starkes Pilzgebirge

    Wir sind auf gut Glück zum ersten Mal zum Pilze sammeln in den Harz gefahren. Uns erwartete Ende Oktober bei einem Mix aus kühleren Temperaturen und Sonnenschein ein abwechslungsreiches Naturerlebnis. Vor allem die Vielfalt der verschiedenen Arten hat uns überrascht.

    Seit Jahren berichtet ein Bekannter von außergewöhnlich guten Fundstellen bei Bad Grund und zeigt uns regelmäßig seinen Korb mit herrlichen Steinpilzen, Maronen, Pfifferlingen und Rotkappen. Darüber hinaus betont er immer wieder, dass bei Walkenried im Südharz und Stolberg im Ostharz viele eher seltene Arten zuhause sind. Wir machen die Probe aufs Exempel und wählen einen touristisch eher weniger erschlossenen Laub-Mischwald im nordwestlichen Harz in der Nähe von Langelsheim.

    »Der Reiz ‚in die Pilze‘ zu gehen«

    Worin besteht überhaupt der Reiz, »in die Pilze« zu gehen? Für Viktor Schmidt, der aus dem westfälischen Ledde in den Harz gekommen ist, steht das Naturerlebnis im Vordergrund – die Schönheit und der Geruch des Waldes, gerade in den Monaten September und Oktober.

    »Man fühlt sich ein wenig wie ein Schatzsucher, ist vollkommen konzentriert und schaltet komplett ab«, antwortet Christian aus Braunschweig auf die gleiche Frage, »wer nicht wie ein Spürhund den Boden abscannt und kleine Erhebungen im Herbstlaub prüft, der lässt sich Vieles entgehen.«

    Schon beim Start der Wanderung werden die einzelnen Waldstücke genau in Augenschein genommen. Ein vermehrter Fichtenbestand spricht eher für Steinpilze und Maronen, die sich aber durchaus auch unter Eichen und Buchen wohl fühlen.

    »Schmackhaft wie ein Wiener Schnitzel«

    Viktor Schmidt rückt gerade einem Parasol zu Leibe. »Wer einen Pilz unten am Stiel abschneidet oder vorsichtig herausdreht, schadet dem Myzel nicht«, sagt er und gibt zu, von den in Deutschland wachsenden etwa 14.000 Arten nur einen ganz kleinen Teil zu kennen. Er rät dringend davon ab, einen Pilz zu essen, den man nicht vorher anhand mehrerer ganz markanter Merkmale eindeutig bestimmen konnte. »Viele Arten sind giftig bis tödlich«, warnt Schmidt. Eine Pilz-App auf dem Handy könne da eine große Hilfe sein.

    »Der Parasol wird heute Abend paniert und in der Pfanne gebraten«, freut sich Viktor Schmidt auf den nussartig schmeckenden Leckerbissen, von dem manche behaupten, er schmecke wie ein Wiener Schnitzel. Im rohen Zustand ist der Parasol allerdings giftig, genauso wie der Hallimasch, von dem ebenfalls nur der Hut gegessen werden sollte. Beide Arten sind erst nach einer Röst- bzw. Garzeit von mindestens 15 Minuten genießbar.

    Pilze sammeln im Harz: »Das ganze Jahr ist Pilzzeit«

    Pilzsammler sind große Geheimniskrämer und verraten ungerne ihre Lieblingsreviere. Schon in der Morgendämmerung gehen viele auf Schatzsuche, damit ihnen niemand zuvorkommt. Natürlich ist es vorteilhaft, die einschlägigen Stellen zu kennen, aber auch wer, wie wir, einfach sein Glück versucht, wird im Harz nicht enttäuscht, vor allem, wenn es im September und Oktober bei mildem Wetter geregnet hatte. Pilze sammeln, sagen die Experten, ist eigentlich das ganze Jahr über möglich, so kann man selbst im Frühling oder Winter herrliche Speisepilze wie Morcheln, Schopftintlinge oder Maipilze finden.

    Text, Bilder und Gestaltung: Michael und Jochen Hotop

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    Warum ist der Harz ein so besonderes Eldorado für Sammler? Dies liegt an den vielen verschiedenen Gesteinsformationen und Böden, aber auch an den vielfältigen Laub- und Nadelwäldern. Allerdings: Im Nationalpark Harz, der etwa zehn Prozent der Fläche des nördlichsten deutschen Mittelgebirges ausmacht, ist das Sammeln verboten.

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  • Faszinierende Inseln der Vielfalt: Bergwiesen von Hohegeiß im Südharz

    Faszinierende Inseln der Vielfalt: Bergwiesen von Hohegeiß im Südharz

    Hohegeiß ist eine wunderbare Welt für Naturpflanzen-Liebhaber und Menschen, die ein Auge für die Vielfalt von Bergwiesen haben, ein Ort wie es ihn nur an wenigen Stellen im Harz gibt. Wo wachsen schon zahlreiche heimische Orchideen und insgesamt 30 Pflanzen von der Liste gefährdeter Arten?

    Obwohl es in Hohegeiß viele interessante Lebensräume gibt, will ich in diesem Bericht in erster Linie die schützenswerten Berg-Mähwiesen vorstellen. Dabei handelt es sich jedoch nicht einfach um gewöhnliche Wiesen, die sich am Berg befinden und gemäht werden. Hinter dem Begriff Wiese versteckt sich eine Vielzahl an Biotoptypen, die sich vom feuchten Borstgras-Magerrasen bis hin zur nährstoffreichen Bergwiese erstreckt – je nach Standort, Klima und Nutzung. Trotz der auf den ersten Blick irreführenden Namensgebung „Magerrasen“, die sich durch Nährstoffarmut der Böden auszeichnen, beherbergen gerade solche Flächen einen erstaunlich großen Reichtum an unterschiedlichen Tieren und Pflanzen. Im Gegensatz zu den gedüngten im Schatten liegenden „fetten“ Wiesen. Doch wie entstanden die Wiesen?

    Die ersten Sonnenstrahlen erreichen das Breitblättrige Knabenkraut, eine unserer heimischen Orchideen, und reflektiert die Wassertropfen des Morgentaus.

    »Entstehung einer artenreichen Kultur- und Naturlandschaft«

    [su_box title=“Wer kennt nicht das Gefühl …“ box_color=“#FFFFFF“ title_color=“#c83737″ class=“infobox–redBorder infobox–floatRight infobox–smallerFont“]

    … barfuß durchs Gras zu gehen, die Halme zwischen den Zehen zu spüren, den Geruch frisch gemähter Wiesen, oder die Geräusche, welche von einer bunten Blumenwiese ausgehen? Das Summen und Brummen der Bienen, das Zirpen der Grillen und Heuschrecken, wenn sie ihre Hinterbeine aneinander reiben, das Rauschen der Grashalme im Wind. Und natürlich die kunterbunten Blüten der Blumen, die alle Farben des Spektrums widerspiegeln. All diese Merkmale assoziieren wir in der Regel mit einer ursprünglichen Wiese. Doch was ist das Besondere an diesem Grünland, wie die Wiesen im Allgemeinen auch genannt werden? Für ein halbes Jahr durfte ich das Wachstum und den Wandel der sehr gut erhaltenen Bergwiesen von Hohegeiß beobachten und fotografisch festhalten. Dabei eröffnete sich mir eine wunderbare, vielfältige Welt an Pflanzen und Tieren, wie es sie nur noch an sehr seltenen Orten so zahlreich gibt.

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    Hier könnte ich jetzt mit der Geschichte der Menschheit beginnen, als der Homo sapiens mit dem Rückgang der Gletscher begann, Lebensraum samt Wohnraum durch Waldrodung zu erschließen. Dörfer wurden erbaut und Vieh gezüchtet. So entstanden die ersten Blumenwiesen.

    Auch die Bergwiesen von Hohegeiß, gehören zu einer durch jahrhundertelange Bewirtschaftung entstandenen Kulturlandschaft. Obwohl von Menschenhand erschaffen, sind sie Teil der Natur, die es zu erhalten gilt. Bis in die 1930er Jahre wurden die Wiesen für die Viehhaltung genutzt. Allerdings nicht zur Beweidung, hierzu wurden die Tiere in den Wald getrieben, sondern vorrangig als Heuwiesen für die Ernte des Winterfutters. Mit Aufkommen der Industrialisierung und Erschließung des Harzes für den Tourismus, ging die Zahl der Selbstversorger zurück. Der Einkauf frisch gelieferter Waren wurde kostengünstiger als der eigene Anbau. Immer mehr Bauern verzichteten daher auf die mühselige, unwirtschaftliche Nutzung der Bergwiesen und verkauften ihre Flächen nach und nach an die Forstverwaltung. Einige der Wiesen lagen jahrelang brach und der Wald eroberte die Gebiete schleichend zurück, indem er mit Buschwerk seine Grenzen immer weiter ausdehnte. Aber warum lassen wir nicht Natur Natur sein? Soll doch der Wald wachsen und sich ausbreiten!

    In den frühen Morgenstunden sind die Insekten noch nicht so agil. Auch das kleine Kleewidderchen auf dem Teufelsabbiss wartet auf die wärmenden Sonnenstrahlen.
    Pflücken verboten! Wie alle heimischen Orchideen ist auch das Breitblättrige Knabenkraut geschützt.

    Die Frage ist relativ einfach zu beantworten: Weil auch die Wiesen zu unserer Naturlandschaft gehören und sich einige Lebewesen auf diesen Lebensraum spezialisiert haben. Doch im Gegensatz zu den Wäldern benötigen die Wiesen unsere Unterstützung. Sie müssen gepflegt werden. Wie sieht nun so eine Pflege aus und auf was muss man dabei achten? Dazu müssen wir die Wiesen genauer in Augenschein nehmen. Denn wie oben schon angemerkt, ist Wiese nicht gleich Wiese.

    »Wovon hängen der Wiesentyp und damit seine Artenvielfalt ab?«

    Wenn wir auf den Wanderwegen an den vielen Wiesenparzellen rund um Hohegeiß vorbeikommen fällt nicht nur dem geschulten Auge auf, dass sich die Vegetation unterscheidet. Auf vielen Bergwiesen ist im Frühjahr die Bärwurz dominant, deren intensiver Geruch uns sofort in die Nase steigt. Früher war diese Pflanze aus keiner Küche wegzudenken, galt sie doch als Grundlage vieler ursprünglicher Gemüsegewürze. Sie ist aber auch ein Indiz dafür, dass wir es hier mit einem Magerrasen zu tun haben.

    Die Typisierung der Wiesen basiert auf einer systematischen, wissenschaftlichen Grundlage. Hierbei können die Wiesen grob in die Kategorien trocken, feucht sowie nährstoffarm (mager) und nährstoffreich (fett) unterteilt werden. Außerdem beeinflussen die Bodenzusammensetzung und die klimatischen Bedingungen den Artenbestand und somit auch den Wiesentyp. Die meisten Bergwiesen weisen mehrere unterschiedliche Biotope auf, so dass die Übergänge in der Regel fließend sind.

    Bei einem Streifzug durch das Gebiet um Hohegeiß kommen wir mindestens an einer Parzelle vorbei, auf der wir diese Übergänge ganz gut beobachten können. Eine davon ist am Mittelberg zu beobachten. Wie viele Bergwiesen befindet sich diese in Hanglage. Talabwärts geht die eher trockene Wiese in ein Sumpfgebiet über, welches an den noch jungen Bärenbach angrenzt. Leicht kann man hier die unterschiedlichen Biotoptypen anhand der Vegetation erkennen. Einige Grünflächen besitzen Quellsümpfe, die entweder in den Bärenbach oder Wolfsbach münden. Daher sind diese Wiesen besonders vielfältig und bieten vielen bedrohten und gefährdeten Pflanzen einen Lebensraum, der ihnen nur noch bedingt zur Verfügung steht. Das gilt natürlich auch für Tiere, insbesondere Insekten, die sich auf bestimmte Lebensformen spezialisiert haben.

    »Blütenpracht heimischer Orchideen«

    Ein Spaziergang im Frühjahr führt uns noch an sehr kargen, fast trostlos kurzgeschorenen Grünflächen vorbei. Die unschönen, offenen Stellen der Pflegemaßnamen fallen sofort ins Auge. Und obwohl die Grasnarben und aufgerissenen Böden unserer Vorstellung einer vollkommenen, naturnahen Wiese zunächst widersprechen, sind sie doch notwendig, um den Erhalt dieser Wiesen zu sichern. Aber davon später ein wenig mehr.

    Das Breitblättrige Knabenkraut beginnt seine ersten Blüten zu öffnen, bevor es sich vom Boden erhebt.

    Auf den ersten Blick wirken die Wiesen ziemlich verkümmert und wie abgestorben. Die Grashalme sind eher gelblich statt satt grün. Bei genauer Betrachtung können wir allerdings schon die ersten Blätter erkennen, aus deren Schoß in ein bis zwei Monaten Orchideenblüten hervorkommen. Interessanterweise ist eine der drei Orchideenarten auf verschiedenen Wiesenabschnitten besonders dominant. So verschönern das Breitblättrige Knabenkraut, das Stattliche Knabenkraut oder das etwas später blühende Gefleckte Knabenkraut, mit kräftigen rosa über hellrosa bis hin zu weißen Farbtupfen die Bergwiesen.

    »Die Bergwiesen von Hohegeiß: Viele seltene Pflanzen sind hier noch zahlreich«

    Verweilen wir noch ein wenig bei den ersten Blütenpflanzen, die hier auf einer Höhe von ca. 620 m, wachsen. In den Quellsumpfgebieten sowie an den Ufern des Wolfsbachs und Bärenbachs wächst die unscheinbare Bach-Nelkenwurz. Hier ist ihr Vorkommen noch so zahlreich, dass der Gedanke an eine gefährdete Art zunächst nicht aufkommen will. Auch das Breitblättrige und Stattliche Knabenkraut gehören zu den Frühblühern der Bergwiesen von Hohegeiß. Auf den Wiesen finden wir stellenweise eine Vielzahl dieser Orchideen. Sie beginnt mit der Blütenbildung bevor ihr Stiel hochgewachsen ist. Deshalb werden die zarten Knospen oft von der überall stark vertretenen Bärwurz zunächst verdeckt. Neben den dunkel- bis hellrosa Orchideen ist auch die Trollblume mit ihrem knallgelben Kugelkopf zu sehen. Auf das vollständige Öffnen ihrer Blütenblätter können wir lange warten, denn sie öffnet sich nie ganz. Nur kleine Insekten, Fliegen oder Käfer können durch die kleine Passage auf ihrer Kuppel in die Blüte schlüpfen.

    Mit den länger werdenden Tagen wird die Blütenpracht der Wiesen immer bunter. Je nach Typ gesellen sich Wiesen-Schaumkraut, Flockenblumen, Sumpf-Kratzdistel, Margerite, Kuckucks-Lichtnelke und viele weitere Arten dazu. Dafür verschwinden die schon verblühten Pflanzen ganz heimlich unter den Neuankömmlingen und machen diesen Platz. Aber uns interessieren besonders die gefährdeten Pflanzenarten. So finden wir im Frühsommer das Gefleckte Knabenkraut nicht nur auf den Wiesen, sondern häufig auch an den Wegrändern, wo es von jedem aufmerksamen Besucher betrachtet werden kann. Vereinzelt ist die Arnika, auch Berg-Wohlverleih genannt, zu sehen. Obwohl sie als Giftpflanze gilt, ist ihr Einsatz als Heilpflanze, vor allem bei Prellungen, Blutergüssen, Verstauchungen oder Muskel- und Gelenkbeschwerden, jedermann bekannt. In einigen Ländern, wie Belgien und Kroatien ist die Arnika bereits vom Aussterben bedroht. In Deutschland steht sie auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

    »3500 Tierarten bewohnen unsere Wiesen«

    Mittlerweile ist es Sommer. Auf den Wiesen tummeln sich jede Menge Insekten, deren Aufgabe für die Pflanzen darin besteht, die Blüten zu bestäuben und damit den Artbestand im Folgejahr zu sichern. An die 3500 Tierarten bewohnen unsere Wiesen, darunter Kleinlebewesen, wie Heuschrecken, Zikaden, Ameisen und farbenprächtige Käfer. Hummeln, Bienen und Schwebefliegen sind fleißig am Werk, aber auch Schmetterlinge und Widderchen fliegen die Pflanzen ab und sorgen dabei für die Befruchtung der Pflanzensamen.

    Auch Rotfüchse tummeln sich auf den Bergwiesen. Finden Sie hier doch genügend Nahrung für sich und ihre Jungtiere.

    »Die Mahd – eine wichtige Arbeit für den Erhalt der Wiesen«

    Mitte Juni haben die meisten Blumen und Gräser ihre Samen mit Hilfe des, für die Berglandschaft typisch vorherrschenden Windes ausgestreut. Für einen Teil der Wiesen ist es nun Zeit für die Mahd. Doch bestimmte Wiesen-Inseln, auf denen der Artbestand noch etwas Zeit für die Fortpflanzung braucht, dürfen stehen bleiben. Hier wird der gewöhnliche Teufelsabbiss noch von den fleißigen Nektarsammlern besucht und bestäubt und die Schmetterlinge finden noch genügend Plätze für die Eiablage. Wie die Orchideen stehen auch der Teufelsabbiss, die Kugelige Teufelskralle, Mücken-Händelwurz, Großer Wiesenknopf und weitere 20 Pflanzen, die wir in diesem Schutzgebiet finden können, auf der Roten Liste. Ende August ist es auch für die letzten Wiesen Zeit für den pflegenden Schnitt.

    Im Hochsommer sind viele Pflanzen schon verblüht. Die Zeit der Mahd steht bevor.

    »Warum die Pflege der Bergwiesen so wichtig ist«

    Zwei Kleewidderchen halten sich tapfer an den Grassamen fest während der Wind durch die Wiese fegt.

    Gerade Bergwiesen benötigen regelmäßige Pflege, damit die Pflanzen im Folgejahr wieder zahlreich und in voller Pracht gedeihen können. Dazu gehört in erster Linie die Mahd. Also das Mähen der Grünfläche. Wiesenpflanzen besitzen nämlich die erstaunliche Fähigkeit zur völligen Regeneration. Damit vertragen es die Gewächse nicht nur jedes Jahr „abrasiert“ zu werden, sie benötigen diese Maßnahme sogar zwingend! Anschließend treiben sie von Grund auf neu aus und werden so groß und stark wie zuvor. Alle Parzellen um Hohegeiß werden einmal im Jahr gemäht. Allerdings nicht alle gleichzeitig. Der Termin für den Schnitt richtet sich immer nach den vorhandenen Arten und deren Lebenszyklus, besonders derjenigen, die auf der Roten Liste stehen. Auch das Wetter spielt für den richtigen Zeitpunkt eine große Rolle. So findet die Mahd erst dann statt, wenn die Fläche ohne Schäden an der Vegetation und dem Boden, durchgeführt werden kann.

    »Besonderheiten der Beweidung«

    Einige Wiesen können wegen ihrer Lage, z.B. bei extrem steilen Hängen oder unebenem Boden, nicht mit Maschinen gemäht werden. Hier kommt die extensive Beweidung, durch Rinder und Schafe, zum Tragen. Ein Vorteil der Beweidung gegenüber der Mahd liegt darin, dass es, durch den selektiven Fraß der Tiere, für die kleinen Wiesenbewohner weiterhin genügend Rückzugsmöglichkeiten gibt. Dadurch finden Tagfalter und andere Insekten immer noch ausreichend Pflanzen zum Saugen des energiespendenden Nektars und für ihre Eiablage. Ab Mitte Juni können wir deshalb auch Weidetiere auf den Grünflächen rund um Hohegeiß beobachten.

    Aber zur Pflegemaßnahme gehört auch das Zurückschneiden oder Entfernen von Buschwerk, damit der Wald die Gebiete nicht wieder zurückerobert und den empfindlichen Blumen den Platz zum Wachsen und den Zugang zum lebenswichtigen Sonnenlicht verwehrt.

    »Ein Netz zum Schutz der Biodiversität«

    Der Braune Feuerfalter aus der Familie der Bläulinge. Sie
    ist mit über 100 Arten in Europa vertreten.

    Das Naturschutzgebiet bei Hohegeiß gehört zum Netz „Natura 2000“, welches 1992 von der Europäischen Union errichtet wurde. Durch den Verbund einzelner FFH-Gebiete (Flauna-Flora-Habitat-Gebiete) soll ein länderübergreifender Schutz gefährdeter wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten, sowie deren natürlicher Lebensräume gewährleistet werden. Außerdem dient es dazu, das von der EU beschlossene Ziel, den Schutz der biologischen Vielfalt von Arten und Lebensräumen, umzusetzen.

    Das FFH-Gebiet „Bergwiesen und Wolfsbachtal bei Hohegeiß“ trägt mit insgesamt 244 ha zu diesem Schutz bei. Davon sind ca. 82,8 ha im Besitz der Niedersächsischen Landesforsten, was ca. 34% der gesamten FFH-Gebietsfläche entspricht. Die anderen Flächen befinden sich größtenteils in Privatbesitz.

    »Kleinod im Südharz«

    Das FFH-Gebiet um Hohegeiß hat aber mehr zu bieten als nur die schützenswerten Bergwiesen. Auch die Wälder ringsum enthalten vielfältige Biotoptypen, die Seltenheitswert besitzen. Der Luchs frequentiert das Gebiet und es wird vermutet, dass es hier ein oder mehrere Wildkatzenreviere gibt.

    Für interessierte Besucher wurde ein informativer Rundweg über die Bergwiesen mit ca. 3 km Länge angelegt. Von der Geschichte bis zum Artenbestand kann man auf Infotafeln viel erfahren.

    Aus meiner Sicht ist es im Südharz gelungen, ein Gebiet mit unterschiedlichsten Lebensräumen und – formen unter Schutz zu stellen und mit schonenden Eingriffen durch den Menschen zu erhalten. Auch wir Besucher tragen für den Erhalt eine große Verantwortung. Trittschäden können nachfolgende Pflanzengenerationen, besonders bei Orchideen, zerstören. Daher sollten wir das in Naturschutzgebieten generell geltende Wegegebot einhalten. Doch gerade um Hohegeiß finden wir immer wieder Bänke am Rand der Bergwiesen, bei denen wir kurz innehalten und die Atmosphäre dieser besonderen Landschaft auf uns wirken lassen können. Von diesen Standorten aus, haben wir auch einen wunderschönen Blick auf die Vielfalt der vor uns liegenden Bergwiese.

    Anni Wilhelm widmet sich seit einigen Jahren in ihrer Freizeit der Naturfotografie, kleinen Lebewesen, wie Insekten, Vögeln und anderen Tieren, die in europäischen Gebieten zu finden sind. Aber auch verschiedene Lebensräume mit besonderen Pflanzenarten und Landschaften faszinieren die Nürnbergerin. Mehr dazu unter www.anniwilhelm.de.

    Die Fotos in diesem Beitrag entstanden mit Genehmigung des Niedersächsischen Forstamts Lauterberg. Für dessen Unterstützung und die des für dieses Gebiet zuständigen Försters für Waldökologie möchte ich mich herzlich bedanken.

    Text und Fotos: Anni Wilhelm

  • »80 glückverheißende Orte« im Harz

    »80 glückverheißende Orte« im Harz

    Die Sehnsucht des Menschen nach dem Paradies in Form von glückverheißenden Orten findet im Harz ständig neue Nahrung. Das beweist André Niedostadek mit seinem kürzlich erschienenen Buch »Glücksorte im Harz«. Wer dabei ausschließlich die bekannten Highlights des Mittelgebirges erwartet, ist überrascht, wieviel weniger bekannte und vor allem kaum bekannte Anziehungspunkte es hier gibt.

    Jeder »Glücksort« wird auf einer Doppelseite vorgestellt – mit einem ganzseitigen Bild sowie einer launig-liebevollen Kommentierung auf der jeweils gegenüberliegenden Seite. Obwohl Niedostadek kein Reisejournalist ist, sondern Professor an der Hochschule Harz in Halberstadt (unter anderem für Wirtschaftsrecht und Arbeitsrecht), gelang ihm eine interessante Mischung von 80 glückverheißenden Orten. Hier eine kleine Auswahl mit Kurzportraits:

    Bekannte Glücksorte im Harz

    1. Auf dem Brocken: Der Ausblick kann atemberaubend sein. Goethe war dreimal, Brocken-Benno sogar über 8.000-mal auf dem sagenumwobenen Blocksberg.
    2. Harzer Schmalspurbahnen: Bei einem Dampfabenteuer lässt sich auf dem über 140 Kilometer umfassenden Streckennetz wunderbar innehalten und die Landschaft genießen. Die Dampflegenden schnaufen sogar hinauf zum Brocken.
    3. Die Teufelsmauer bei Weddersleben: Sie ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Harz und zieht sich von Ballenstedt bis Blankenburg. Der Abschnitt bei Weddersleben ist besonders eindrucksvoll. Hier türmen sich schroffe, nahezu 20 Meter hohe Sandsteinfelsen zu einem einzigartigen Naturdenkmal.
    4. Die Stabkirche in Hahnenklee: Ein beliebter Ort für das »Ja-Wort«. Eine Kirche komplett aus Holz. Eine Augenweide mit vielen geometrischen Formen. Nachempfunden einem norwegischen Glanzstück in Borgund.
    5. Die Sternwarte in St. Andreasberg: Der Blick ins Universum wird bei der mit 700 Metern höchstgelegenen Sternwarte Norddeutschlands zu einem unvergesslichen Erlebnis, wenn etwa die Milchstraße mit ihren Milliarden von Sternen für galaktische Eindrücke sorgt.
    6. Über die Titan RT im Bodetal: Die Rappbodetalsperre ist Schauplatz für mehrfachen Nervenkitzel. Neben der Titan RT, eine der längsten Hängebrücken der Welt, sorgen der spektakuläre Pendelsprung »GigaSwing« und die Megazipline, Europas längste Doppelseilrutsche, für Adrenalin in den Adern.
    7. Die Rosstrappe bei Thale: Auf der Flucht vor dem Riesen Bodo wagte die schöne Königstochter Brunhilde mit ihrem Rappen den Sprung vom Hexentanzplatz auf die andere Seite des Tals und hinterließ dabei einen markanten Abdruck im Granitfelsen. So geht jedenfalls die Sage. Von der Rosstrappe, die man auf einem zuweilen anspruchsvollen Wanderweg erreicht, hat man einen prächtigen Ausblick auf das zerklüftete Bodetal, den »Grand Canyon des Harzes«.
    8. Auf dem Liebesbankweg: Der sieben Kilometer lange Rundwanderweg um den Bocksberg, der in der Nähe der Stabkirche beginnt, schaffte es 2018 unter die Top 10 bei der Publikumswahl zu »Deutschlands schönsten Wanderwegen«.

    Weniger bekannte Glücksorte

    1. Die Hammerschmiede in Zorge: Hier wird nicht der Hammer geschwungen, sondern ein Single Malt Whisky sowie andere Spirituosen feinster Qualität hergestellt, mit entsprechenden Verkostungsmöglichkeiten.
    2. Die Trink- und Wandelhalle in Bad Harzburg: Wer nach einem Abstecher zum Baumwipfelpfad oder zum Luchsgehege eine andere Seite des größten Kurortes im Harz kennenlernen möchte, kann im historischen Ambiente der Trinkhalle am Krodo-Brunnen und Barbarossa-Brunnen das aus er Erde sprudelnde Heilwasser kosten.
    3. Das Bergbaumuseum »Lautenthals Glück«: Neben Gold, Blei und Kupfer wurde in der früher Freien Bergstadt Lautenthal bis in die 1930er Jahre vor allem Silber gewonnen. Dabei ist das Erz kurioserweise zum Teil auf den unterirdischen Wasserstraßen auf Kähnen transportiert worden.
    4. Im Kräuterpark in Altenau: In »Deutschlands größtem Kräuterpark« (Baedeker) kann man testen, wonach Ysop schmeckt und Minze riecht. Eine Welt voller Düfte und Farben, in der alles angefasst, beschnuppert und probiert werden darf. Die Gewürzgalerie ist als besonderer Blickfang in einem Pavillon im asiatischen Stil untergebracht, da viele Gewürze und Öle einen orientalischen Ursprung haben.
    5. Im WeltWald bei Bad Grund: Im Frühjahr den »Himalaya« und seine Rhododendren besuchen und im Spätsommer den nordamerikanischen »Indian Summer« sowie Mammutbäume erleben, das geht auf 12 Kilometer langen Wanderwegen nur im Harz. In den Waldlandschaften unterschiedlicher Kontinente findet man die japanische Kirsche genauso wie den Lebkuchenbaum.
    6. Im Baumkuchenhaus in Wernigerode: Harzer Baumkuchen werden in Wernigerode seit 1749 hergestellt, heute in vielen Varianten, zum Beispiel mit Marzipan oder Nougat. Aber nicht nur das Baumkuchenhaus ist ein beliebter Treffpunkt für Naschkatzen. Ein paar Ecken weiter gibt es im Zuckerbäckerstädtchen Wernigerode den Fabrikverkauf von Wergona Schokoladen.
    7. In der Stubengalerie in Goslar: Ein Geheimtipp in der Innenstadt. Zum besonderen Kunsterlebnis trägt die Atmosphäre des historischen Fachwerkhauses mit seinen vielen kleinen Stuben bei. Große Namen von Künstlern der Gegenwart und Klassikern der Moderne haben hier ihre Werke gezeigt. Aktuell ist die Ausstellung »Metamorphose« von Gerd Winner zu sehen (bis 6. Juni 2019).
    8. The historical Barber in Pullmann City Harz: Die bekannteste Attraktion von Hasselfelde ist eine komplette Westernstadt, zu der auch ein original historischer Barbiersalon gehört. Wer nur für eine Rasur oder das Stylen seines Bartes vorbeikommen möchte, sagt einfach kurz an der Kasse Bescheid.

    Kaum bekannte Glücksorte im Harz

    1. Der Prinzessinenturm in Blankenburg: Wer auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Ferienwohnung für zwei Personen auf drei Etagen ist, findet am oberen Ende des terrassenförmigen Schlossparks einen Wehrturm, den Herzog Ludwig Rudolph Anfang des 18. Jahrhunderts zum Spinn- und Spielturm für seine drei Töchter umgebaut hat.
    2. Die Bisonherde in Stangerode: Europas größte Bisonherde kann auf einem fünf Kilometer langen Rundweg um den Wildpark Nordmann bewundert werden. Die grasende Herde sorgt dabei für ein besonderes Panorama.
    3. Die Apfelkiste in Wernigerode: Ein überdimensionierter Apfel signalisiert: Hier gibt’s für »´n Appel und ´n Ei« Obst direkt vom Erzeuger. Der Apfel als unkompliziertes Multitalent ist das Symbol der Versuchung, des Lebens und der Liebe, von dessen Magie schon unsere Vorfahren wussten.
    4. Der Steinway-Park in Seesen: Der markante Teil eines Steinway-Flügels erinnert daran, dass Henry E. Steinway alias Heinrich Engelhardt Steinweg 1825 in Seesen sein erstes Klavier fertigte. Die Familie wanderte 1850 in die USA aus und lebte dort den amerikanischen Traum. Ihre Klaviere und Flügel geben rund um den Globus den Ton an.
    5. An der Lutherbuche in Stolberg: Schon Luther soll den Blick genossen haben. In Stolberg kam auch die Stammmutter des niederländischen Königshauses zur Welt: Juliana zu Stolberg ist Urahnin von Willem-Alexander. Das Schloss der Familie Stolberg gehört heute der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und wird umfangreich saniert, wobei Teile bereits besichtigt werden können.
    6. Das Café Froschkönig in Gernrode: Hier kommt viel Kurioses zusammen: Eine der ältesten Schulen (heute Museum), eine Stiftskirche, die als Kulisse des Kinofilms »Die Päpstin« diente, ein 7,45 Meter großes Holzthermometer, eine der größten Kuckucksuhren, sowie das stilvoll eingerichtete ehemalige Bürgermeisterbüro, das das Café Froschkönig beherbergt.
    7. Die Sandhöhlen bei Blankenburg: In einem weitläufigen Waldgebiet nahe der Burg Regenstein gibt es eine Überraschung der besonderen Art. Auf einer Waldlichtung trifft man unvermittelt auf einen faszinierenden »Mega-Sandkasten« mit meterhohen Höhlen aus Sandstein.
    8. In den Höhlenwohnungen in Langenstein: Ähnlich wie in den Bestsellern »Der Herr der Ringe« und »Der Hobbit«, gibt es auch im Harz ein Auenland, mit in den Sandstein gehauenen Höhlenwohnungen, die noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewohnt waren. Da es noch keine Glühlampen gab, waren sie im Inneren zwar dunkel, dafür aber irgendwie heimelig und sommers wie winters gut temperiert.

    »Glücksorte im Harz« ist Mitte März im Droste Verlag erschienen und im Buchhandel für 14,99 Euro erhältlich.

    Niedostadek: »Glück findet man im Hier und Jetzt«

    Professor André Niedostadek im Eingangsbereich der Hochschule Harz in Halberstadt. (Foto: Harz-Beat)

    Interview mit André Niedostadek zu seinem Projekt »Glücksorte«, das Glück eines Jura-Professors in Halberstadt und Möglichkeiten, etwas für den Harz zu tun.

    Harz-Beat: Sie sind mit der Resonanz Ihres Glücksorte-Buches mehr als zufrieden und werden immer wieder gefragt, ob bereits ein zweiter Band in Vorbereitung ist. Gibt es denn überhaupt so viele besondere Orte, über die Sie berichten könnten?

    Niedostadek: Im Harz? Aber immer! Noch ist der Verlag aber nicht auf mich zugekommen.

    Harz-Beat: Welches sind für Sie persönlich Ihre ganz speziellen Glücksorte im Harz?

    Niedostadek: Ich versuche zum einen immer den Ort zum Glücksort zu machen, an dem ich gerade bin. Zum anderen ist für mich die Vorfreude ein schöner Motivator. Ansonsten entstehen die Glücksorte sehr spontan. Das kann durchaus ein Rastplatz wie der Regensteinblick sein. Den Augenblick, den ich dort morgens gegen sechs Uhr mit einem wundervollen Sonnenaufgang erleben durfte, das war in diesem Moment einfach einmalig. Vielleicht ist das auch so ein bisschen das Geheimnis von Glück, sich vollkommen auf das Hier und Jetzt einzulassen.

    Hinzu kommt, dass ich bei der Suche nach Glücksorten mit dem Motorrad unterwegs bin, was für mich definitiv glückliche Momente sind.

    Harz-Beat: Sie fühlen sich in Halberstadt überaus wohl, aber wenn man wie Sie zehn Fachbücher, zum Teil in fünfter Auflage, geschrieben hat, dann kommen doch sicher auch Angebote von anderen Hochschulstandorten.

    Niedostadek: Es gibt ja den Spruch, auf der anderen Seite der Weide sieht das Gras immer grüner aus. Aber zu glauben, irgendwo anders ist es noch schöner, stellt sich häufig als Trugschluss heraus. Ich bin in der Nähe von Münster geboren und habe dort auch studiert. Die Stadt ist zwar ein bisschen größer als Halberstadt, aber was die ländliche Atmosphäre angeht, durchaus vergleichbar. Das gefällt mir. Die Arbeitsmöglichkeiten hier und vor allem auch die Zusammenarbeit mit den Studierenden und im Kollegium sind schon sehr gut.

    »Wenn der Funke überspringt«

    Harz-Beat: Die 3000 Studenten der Hochschule Harz verteilen sich auf die Standorte Wernigerode (über 2000) und Halberstadt (etwa 900). Sie sind seit über zehn Jahren hier als Jura-Professor tätig. Welches sind in der täglichen Arbeit Ihre Glücksmomente?

    Niedostadek: Ich habe das Privileg, eine unglaublich vielfältige Tätigkeit zu haben. In der Arbeit mit den Studierenden – Jura gilt ja eher als trocken, obwohl es sehr, sehr spannend ist – sind es die Momente, wenn bei den jungen Menschen der Funke überspringt.

    Im Bereich der Forschung, muss ich dagegen tief in die Inhalte einsteigen und mich etwa mit der Rechtsprechung auseinandersetzen, um darüber Fachtexte und Fachbücher zu schreiben. Diese Arbeit geschieht im stillen Kämmerlein, fern von aller Welt. Aber auch das sind für mich ganz glückliche Momente.

    Harz-Beat: Wie stark ist bei den Menschen, die Sie bei Ihren Glücksorte-Touren getroffen haben, das Bewusstsein für die Schönheiten des Harzes?

    Niedostadek: Ich bin auf viele aufgeschlossene und begeisterungsfähige Menschen gestoßen, die einen unglaublichen Ansporn haben, etwas zu bewegen und die mich auf Glücksorte aufmerksam gemacht haben, aber manchmal hatte ich bei einigen auch den Eindruck, dass sie sich überhaupt nicht bewusst sind, welche Schätze sie vor ihrer Haustür haben. Und das sage ich als jemand, der in Frankfurt und Düsseldorf gelebt und gearbeitet hat, Städte, die in gewisser Weise längst nicht das zu bieten haben, was es im Harz alles gibt.

    »Die drei Bundesländer sollten stärker zusammenarbeiten«

    Harz-Beat: Wo würden Sie ansetzen, um das Bewusstsein für den Harz und seinen Bekanntheitsgrad zu verbessern?

    Niedostadek: Nachdem das Buch Mitte März veröffentlicht worden ist, kam jemand zu mir und hob einen Aspekt hervor, den ich so noch gar nicht gesehen hatte: Die Glücksorte sind ja über den ganzen Harz verteilt und deshalb – so sagte er – kann das Buch dazu beitragen, dass die drei Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, zu denen der Harz gehört, näher zusammenrücken. Wenn das Buch den Effekt haben würde, bei den verantwortlichen Stellen, Ideen für eine stärkere Zusammenarbeit zu entwickeln und Potentiale zu erkennen, würde mich das überaus freuen.

    »Soziale Medien sind ein wichtiger Baustein«

    Harz-Beat: Sie nutzen die Sozialen Medien zum Teil sehr intensiv, haben zum Beispiel über 5000 Follower bei Twitter. Machen die Harzorte in den Sozialen Medien hinreichend auf sich aufmerksam?

    Niedostadek: Die Sozialen Medien sind auf jeden Fall ein wichtiger Baustein. Es kommt auf die Zielgruppe an, die man erreichen möchte, Twitter hat eine andere als Facebook oder Instagram. Aber es sind nun mal »Soziale Medien«, das heißt, man muss in irgendeiner Weise mit der Zielgruppe in Austausch kommen.

    Text, Bilder und Gestaltung: Michael Hotop und Jochen Hotop